Protokollchef Werner Schempp Der Hüter des roten Teppichs

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Er hat sich mit dem Dalai Lama über die Vorzüge von Klimaanlagen in Autos ausgetauscht und fünf Ministerpräsidenten um die Klippen des Protokolls gelotst. Jetzt nimmt der Protokollchef Werner Schempp seinen Hut.

Ministerialdirigent Werner Schempp in Aktion. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Ministerialdirigent Werner Schempp in Aktion. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - „Das ist einer, der spricht auch mit den kleinen Leuten“, sagen die kleinen Leute im baden-württembergischen Staatsministerium über Werner Schempp. Der Ministerialdirigent Schempp hatte allerdings über weite Strecken seines Berufslebens eher mit den Großen der Welt zu tun. Mit dem Palästinenserpräsidenten Arafat hat er über Kindererziehung geplaudert, sich mit dem Dalai Lama über die Vorzüge einer Klimaanlage im Auto ausgetauscht. Mit dem früheren Bundespräsidenten Johannes Rau und einer Schulklasse zusammen hat er im Klosterhof von Maulbronn „laudate omnes gentes“ im Kanon gesungen und für Raus Amtsvorgänger Roman Herzog hat er jedesmal, wenn das Staatsoberhaupt nach Stuttgart kam, eine Brezel bereitgelegt. Für die Königin von Nepal hat er nach Ladenschluss Shopping in einem Stuttgarter Modehaus organisiert.

33 Jahre Staatsdiener

Schempp, nach eigenen Angaben „gut katholisch“ und als gebürtiger Ravensburger bekennender Oberschwabe, war lange Jahre Protokollchef im Staatsministerium und leitet seit vier Jahren die Abteilung für Europapolitik. Seit 33 Jahren steht er im Dienst des Landes, 1986 kam er zum Protokoll im Staatsministerium, zuvor war er kurz Gymnasiallehrer. Das internationale Parkett ist seine Welt. Als größtes Ereignis in seiner Karriere wertet der Wahlulmer Schempp den Besuch von Michail Gorbatschow, im Juni 1989 in Stuttgart. „Ein Teil der Weltgeschichte spielte sich in Stuttgart ab“, erinnert sich Schempp - von Haus aus Deutsch- und Französischlehrer - mit glänzenden Augen. Die ZIL-Limousine habe der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion eigens mitgebracht. Das muss erwähnt werden, wenn man James-Bond-Fan ist und „ein Faible für Schnickschnack“ hat.

Bei 20 Staatsbesuchen hat er eher große als kleine Leute getroffen, 50 Reisen hat er für das Land organisiert. Schempps Geschäft ist das Protokoll. Da rächt sich eine falsche Entscheidung unter Umständen in Sekunden. Kaum auszudenken, dass man einen Gast einen falschen Weg entlang schicken würde. Man muss auf alles vorbereitet sein. „Manchmal sitzt du im Flieger und weißt nicht, welchen Gesprächspartner du treffen wirst“. Oder es kommt einem beim Besuch in Silicon Valley „einer der Google Bosse“ barfuß und mit Kampfhund entgegen und sagt „ich kenne Baden-Württemberg, mein Hund ist ein Rottweiler“. Dann empfiehlt es sich ein staatstragendes Gesicht zu machen. Die Regeln bieten auch Sicherheit.

Besonnener Teufel, sportlicher Oettinger

Fünf Ministerpräsidenten hat Schempp gedient. Lothar Späth hat „in Sekundenschnelle Informationen gescannt“ und noch Minuten vor der Rede neue Informationen eingebaut. Erwin Teufel hat sich dagegen alle Hintergründe lange vorher in aller Gründlichkeit schildern lassen. Die Zusammenarbeit mit Günther Oettinger hat Schempp als „sehr sportlich“ in Erinnerung. Stefan Mappus wiederum habe sich mit Entscheidungen Zeit gelassen.

„Das Protokoll im Südwesten ist staatstragend aber nicht steif“, sagt der Spitzenbeamte. Es kommt gut an, wenn der aktuelle Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Besuchern die Flora und Fauna seines Parks erläutert. Man will das Wesen des Landes vermitteln. „Nichts Überkandideltes, das entspricht der Art des Landes. Diplomatisch achtet man auf Ausgewogenheit: „Wenn es schwäbische Hochzeitssuppe gibt, gibt es badische Schäufele als Hauptgang“. Allerdings hat bisher nur Oettinger bei der Menüfolge mitgeredet. Jeder Ministerpräsident hat seine Eigenheiten, aber Schempp betont: „Unsere Politiker sind keine Diven“.

Smoking hat ausgedient

Staatsdiener sind sie, so wie auch Schempp sich in erster Linie als Staatsdiener versteht. Dabei müsse ein Protokollchef „ein bisschen Salonlöwe und ein bisschen Windhund sein“, beschreibt der „Cerberus des roten Teppichs“ die Anforderungen. Auch am Protokoll ist die Zeit nicht spurlos vorbei gegangen. In den vergangenen 15 Jahren hat Schempp dienstlich keinen Smoking mehr getragen. Das Geschäft ist schnelllebiger geworden, in kaum einem Zeitplan ist noch eine Stunde fürs Umkleiden vorgesehen. „Die Effizienz ist sehr hoch“, lobt Schempp und bedauert im gleichen Atemzug, „das Kulturprogramm nimmt leider geringeren Raum ein“.

Früher, da hat er die Staatsgäste zum Weihnachtskonzert in die Basilika nach Weingarten oder in die Barockkirche Steinhausen geführt, jede große Oper und jedes große Ballett in Stuttgart hat er mit einem führenden Diplomaten gesehen. Seinen Smoking zieht er jetzt halt privat an, wenn er in Wien in die Oper geht. Krawatte trägt Schempp aber auch, wenn er in Ulm auf den Wochenmarkt geht und im Staatsministerium lugt an einem ganz normalen Arbeitstag das Einstecktuch aus der Brusttasche des Jacketts.

Noch immer aber dient das Protokoll der Vorbereitung des politischen Erfolges. „Wenn das Essen gut ist, werden auch schwierige Verhandlungen leichter“. Auf die Reisediplomatie lässt Schempp nichts kommen. Auch nicht auf Länderebene: „Ein Ministerpräsident ist ein Türöffner für den Mittelstand“.

Benimm als soft skill

Parkettsicherheit ist in. Schempp gibt selbst Benimmseminare. Auch im Staatsministerium hat er schon Kurse angeboten. „Benimm gilt als soft skill.“ Schempp weiß, „häufig haben die Leute Schwierigkeiten beim Smalltalk“. Da hält der Germanist viel aufs Wetter. Das Thema sei als Gesprächseinstieg längst nicht so schlecht, wie es gemacht werde. Auch zuhause in Ulm gelten klare Regeln. „Wir essen das Käsebrot nicht aus der Faust“, man sitzt am Tisch, nicht nur um des Vorbilds für die vier Enkel willen. Der Tisch wird stilvoll gedeckt. Das liebt der Vater von vier Kindern, der sich auch eine Tätigkeit im Hotelfach hätte vorstellen können. Manchmal lässt sich auch einer wie Schempp zuhause gehen. Dann legt er die Füße auf den Tisch und sieht fern. „Wer die Regeln kennt, darf sie, wenn er allein ist und niemanden stört, durchaus übertreten“.

Wenn Schempp am 31. August in den Ruhestand geht, wird er kaum die Füße hoch legen. Er hat sich vorgenommen, an der Universität das Graecum zu machen.

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