Apsilon provoziert in Stuttgart „Free Palestine“ auf der Opernbühne
Der Rapper Apsilon provoziert bei einem Auftritt in Stuttgart mit einem israelkritischen T-Shirt. Protest ist rar – Pfiffe und Buhrufe finden manche „uncool“.
Der Rapper Apsilon provoziert bei einem Auftritt in Stuttgart mit einem israelkritischen T-Shirt. Protest ist rar – Pfiffe und Buhrufe finden manche „uncool“.
Bitte führ mich hinters Licht“ lautet eine Zeile aus dem Song „Lost in Berlin“ des Rappers Apsilon. Am Samstag hat Apsilon sein Publikum bei den „Littmann Sessions“ in der Stuttgarter Oper hinters Licht geführt. Er sang dort auch „Lost in Berlin“, am Ende des Auftritts kam sich aber der eine oder andere Zuhörer lost in Stuttgart vor. Denn Apsilon streifte sich auf der Bühne unvermittelt und ohne weiteren Kommentar ein T-Shirt mit der Parole „Free Palestine“ über – was eigentlich nur „freies Palästina“ bedeutet, häufig aber von Israel-Kritikern oder eingefleischten Hamas-Fans propagiert wird.
Die Phrase hat zumindest einen im Publikum zu Buhrufen und Pfiffen animiert: Arne Braun, grüner Staatssekretär im Kunstministerium verließ die Show vor Apsilons Zugabe, was er dezidiert als „keine Heldentat“ verstanden wissen will. Die „Instrumentalisierung“ des Konzerts habe ihn aber „ziemlich angekotzt“, sagt Braun dieser Zeitung. Er finde es „ärgerlich, wenn Kunst in der Form benutzt wird“. Das Publikum sei „überrumpelt“ worden. Die Mehrheit im Opernsaal applaudierte jedoch und manche raunten Braun zu, sie fänden seinen Protest „uncool“. Der Politiker selbst erklärt seine nonverbale Reaktion so: „Ich konnte mich in der Situation leider nur ähnlich banal äußern wie der Künstler selbst.“
Im Publikum saß auch Brauns Parteifreundin Muhterem Aras, Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Von ihr wurden weder Buhrufe noch Pfiffe verzeichnet. Eine Anfrage dieser Zeitung blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet
Die Phrase vom freien (oder zu befreienden) Palästina ist umstritten. Für die Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich der Aufklärung gegen Antisemitismus verschrieben hat, ist das „keine harmlose Forderung“. Die CDU-Politikerin Karen Prien, inzwischen Bundesbildungsministerin, erklärte in einem Interview Ende 2023, bei den zwei Worten handle es sich um den „Schlachtruf einer international tätigen Terroristenbande“. Der frühere Bundesjustizminister Marco Buschmann, immerhin ein Liberaler, kam zum Schluss, dass die Parole auch „als Billigung der in Israel begangenen Tötungsdelikte verstanden werden“ könne, zumindest in Kombination mit der Formel „from the River to the Sea“ – was ein „freies Palästina“ vom Jordan bis zum Mittelmeer beschwört, also ohne den Staat Israel.
Die Formulierung sei „laut Experten nicht per se antisemitisch“, berichtet der Bayrische Rundfunk. Gerichte haben dazu unterschiedliche Entscheidungen gefällt. Während das Verwaltungsgericht Bremen eine Veranstaltung unter dem Motto „Free Palestine“ für verbotswidrig erachtete, verwarf das Landgericht Mannheim vor einem Jahr eine entsprechende Anordnung der Staatsanwaltschaft.
Apsilon hat sich nicht zum ersten Mal für „Free Palestine“ stark gemacht. Allerdings bisher „immer auf eine Weise, die man nicht belangen kann“, so ein Experte. Die britische Band Bob Vylan hat mit einer verschärften Phrasendrescherei, bei der „Free Palestine“ zu den harmloseren Ausdrücken zählte, einen Skandal auf der Insel provoziert, bei dem sich die BBC auf Druck des Premierministers zu einer Entschuldigung genötigt sah. Die „Hassrapper“ (FAZ) planen im September einen Auftritt in Stuttgart.
Nach Ansicht von Michael Blume, Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus, bietet die „Apsilon“-Kostümierung in der Oper „noch keine Grundlage für einen Vorwurf". Der Slogan „Free Palestine“ sei „nicht strafbar, weil er in zwei Richtungen gelesen werden“ könne – auch im Sinne einer „Zerstörung Israels“. Apsilon will er das nicht unterstellen, mahnt indes: „Künstler dürfen ambivalent sein, aber nicht antisemitisch“.