Prozess am Heidelberger Landgericht Bleibende Narben von Kampfhundattacke

Von Johanna Eberhardt 

Ein 17-Jähriger nutzt die Hunde seines älteren Bruders, um einen Bekannten in Angst und Schrecken zu versetzen. Zuletzt kostet das einen anderen Teenager beinahe das Leben. Das Heidelberger Landgericht arbeitet den Fall nun auf.

Ein American Staffordshire Terrier – das Tier, das den Jugendlichen in Leimen angegriffen hat, gehörte zur selben Rasse. Foto: dpa/Peter Förster
Ein American Staffordshire Terrier – das Tier, das den Jugendlichen in Leimen angegriffen hat, gehörte zur selben Rasse. Foto: dpa/Peter Förster

Heidelberg - Der Vorfall hatte kurz nach Pfingsten auch über Heidelberg hinaus Aufsehen erregt: Ein 16-Jähriger hatte zusammen mit seinem Freund beim abendlichen Spaziergang im Feld am Stadtrand von Leimen (Rhein-Neckar-Kreis) zwei junge Kampfhunde – die American Staffordshire Terrier seines älteren Bruders – auf eine Gruppe anderer Jugendlicher losgelassen, die mit dem Rad unterwegs waren.

Im Prozess wegen schwerer Körperverletzung, der am Dienstag vor dem Heidelberger Landgericht begann, wurde deutlich: das Ereignis war wohl schlimmer und blutiger als bisher bekannt geworden ist. Die Hunde haben den letzten der Gruppe vom Rad gezerrt, sich auf ihn gestürzt und ihm schwerwiegende Verletzungen, darunter tief greifende Risse am Hals unweit der Schlagader, zugefügt. „Es blieb lediglich dem Zufall geschuldet, dass der Angriff nicht tödlich endete“, sagte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Der Geschädigte, ein damals 15-Jähriger Schüler aus Ditzingen müsse mit dauerhaften Einschränkungen leben.

Das rechte Ohr des Opfers wurde durchtrennt

Die beiden Hunde hatten ihm Teile der Nase und der linken Ohrmuschel abgerissen, das rechte Ohr wurde durchtrennt. Am seinem linken Ober- und dem rechten Unterarm sowie am Hinterkopf wurden Haut und Muskeln zerfetzt. Die Verletzungen haben eine Vielzahl von Narben verursacht, dadurch sei „der Geschädigte in seiner äußeren Erscheinung dauerhaft entstellt“.

Dabei, so schilderte es der 16-jährige Hauptbeschuldigte, habe man sich am Pfingstmontag „doch einen schönen Abend machen wollen“. Sein Freund hatte ihn mit dem Auto nach Hause gefahren, zusammen wollten sie mit den beiden Hunden, einem jungen Rüden und der Hündin Koko, noch kurz Gassi gehen. Danach wollten sie sich mit anderen Bekannten zum Essen treffen. Doch dann begegneten sie im Feld den jungen Radlern. Der Hauptangeklagte und der Geschädigte kannten einander schon länger: der Schüler aus Ditzingen war der Freund eines Cousins des Beschuldigten – und von früheren Treffen wusste der eine vom andern auch, dass er Angst hatte vor den Kampfhunden. Auch deshalb rief der Cousin des Opfers den zwei Freunden schon von weitem zu, sie sollten die Hunde festhalten, als die Radler-Gruppe sie mit den nicht angeleinten Tieren entdeckte.

Der Hauptangeklagte beteuert, es habe ein Spaß sein sollen

Das taten die beiden auch. Die Radler fuhren vorbei und der 16-Jährige dachte schon, es sei geschafft: „Heute fängst Du mich nicht“, rief er der Hündin hinterher. „Da habe ich gedacht, die Koko kriegt ihn doch“, schildert der Hauptangeklagte. Er habe sie losgelassen und auch seinen Freund aufgefordert, die Rüden freizugeben. „Geh!“ habe er gerufen. „Ich wollte ihm nur Angst machen, es sollte ein Spaß sein“, sagt er. Das wiederholt er wieder und wieder. „Ich habe gedacht, ich kann sie zurückrufen, da war ich mir sicher“. Doch er habe auch gewusst, dass etwas passieren könnte. „Dass sie den beißen könnten, das war schon klar“, gesteht er auf Nachfragen des Gerichts.

Die Hunde sind losgestürmt, haben den Jungen vom Rad gezogen und in ein Gebüsch gezerrt, wo die Freunde ihn wenig später blutüberströmt fanden. Offenbar hatten sich die Hunde regelrecht verbissen. Sie haben mit den Leinen auf sie eingeschlagen, sie in die Schnauzen getreten um sie von dem Verletzten weg zu bekommen. Wortreich beteuern sie, wie leid ihnen das alles heute tut. „Ich schäme mich so sehr“, sagt der Hauptangeklagte. „In der Zeit danach bin ich durch die Hölle gegangen“, sagt der Mitangeklagte. Der Geschädigte selbst wirkt gefasst. „Als ich gestürzt war, sind die Hunde direkt auf mich drauf und haben zugebissen“, sagt er, die andern seien aus Angst davon gefahren.