Der ganz in Schwarz gekleidete Mann auf der Anklagebank des Heilbronner Landgerichts hat die Aura eines Künstlers. Er redet eloquent und will sich der strafrechtlichen Aufarbeitung einer Phase in seinem Leben stellen, in der er nach eigenen Angaben nicht mehr er selbst war.
Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hat der 45-jährige Ex-Beilsteiner, der mittlerweile in Stuttgart lebt, zwischen Juli 2021 und März 2023 insgesamt 15 monatliche Abrechnungen für knapp 200.000 Covid-19-Testungen bei der kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) eingereicht, von denen weniger als zehn Prozent tatsächlich stattgefunden haben. Den Schaden beziffert die Anklagebehörde auf rund 1,75 Millionen Euro. Die Anklage lautet auf Computerbetrug im besonders schweren Fall.
Sex mit 1500 Männern
Die Tatvorwürfe räumte der 45-Jährige gegenüber den Richtern unumwunden ein. Allerdings äußerte er Zweifel an seiner Strafbarkeit. „Ich bin an einer Manie erkrankt und habe die Kontrolle über meinen Willen verloren“, erklärte er den Richtern. Er habe sich nicht bereichern wollen, das Geld gleich wieder ausgegeben oder verschenkt – keiner habe ihn aufgehalten.
Nach seiner Schilderung, die er im Vorfeld auch gegenüber dem vom Gericht bestellten Gutachter Thomas Heinrich gemacht hatte, erlebte der Angeklagte eine fürchterliche Kindheit. Er sei jahrelang von seinem Großvater vergewaltigt und gefoltert worden, sogar an pädophile Freunde sei er als Kind ausgeliehen worden. „Mein Opa war ein Psychopath, der im Krieg in Russland Fürchterliches erlebt haben muss, das er an mir ausließ“, schilderte der 45-Jährige. Auch zwei seiner älteren Geschwister hätten ihn vergewaltigt. Die Familie, Mitglieder der Zeugen Jehovas, hätte weggeschaut. Die religiöse Gemeinschaft, der er die Vorgänge angezeigt habe, habe diese nicht der Polizei weitergeleitet.
Mit 20 Jahren habe er geheiratet, mit 28 Jahren habe er sich als homosexuell geoutet. Die Traumata seiner Kindheit seien hochgekommen, drei Jahre lang sei er in Krankenhäusern und in Therapie gewesen. Dennoch habe er eine Lehre als Versicherungskaufmann und als Schauspieler abgeschlossen, und später eine Parfumfirma und eine Partnervermittlungsagentur gegründet. Mitte 2021 habe sich bei ihm angeblich die Manie entwickelt, die laut seiner Aussage wahrscheinlich mit einem Impfschaden zusammenhänge. Zweieinhalb Jahre lang habe er Dinge getan, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
„Ich habe mich von oben bis unten am gesamten Körper tätowieren lassen, hatte mit 1500 Männern Sex, habe eine halbe Million Euro an Escort-Männer ausgegeben, war mit einem verlobt und habe ein Haus in Brasilien für ihn gekauft“, schilderte der Angeklagte einige seiner Taten aus dieser Zeit. Das Geld dafür sei aus den gefälschten Testabrechnungen gekommen.
„Es war so einfach.“
Angeklagter, über den Betrug mit Coronatests
Er habe drei Testzentren in Beilstein und eines in Bad Wimpfen betrieben, und in den ersten beiden Monaten auch einige Tests durchgeführt. In der Folge habe er jedoch nur noch Luftbuchungen an die KVBW gemeldet. „Es war so einfach. Ich habe mit einem Zufallsgenerator fiktive Namen und Adressen generiert, eineinhalb Jahre lang hat keiner kontrolliert, und das Geld kam regelmäßig“, schilderte der 45-Jährige den Richtern.
Auf die Idee sei er gekommen, weil es in der Coronazeit keine Hilfen für Schauspieler gegeben habe und er keine Jobs hatte. Er habe zunächst Tests bei einer Bekannten in deren Friseursalon in Tübingen gemacht. Nach Zwölf-Stunden-Schichten seien ihm am Ende des Monats nach Abzug der Fahrtkosten nur noch 800 Euro übrig geblieben. Da habe er beschlossen, selbst ein Testzentrum anzumelden.
Eigentlich ein sozialer Mensch
Das Verhalten aus dieser Zeit passe aber eigentlich überhaupt nicht zu ihm. „Ich bin eigentlich ein sehr strukturierter und sozialer Mensch, ich habe zehn Jahre lang in Asylheimen 20 Stunden pro Woche geholfen und dafür sogar Farsi zu sprechen gelernt“, führte der Angeklagte weiter aus. Er sei in seiner manischen Phase Risiken eingegangen, die ihm heute schlaflose Nächte bereiten würden. Im Rahmen seiner Möglichkeiten wolle er den Schaden wiedergutmachen und nach dem Ende seiner Therapie wieder arbeiten.
Der Prozess wird am 19. März fortgesetzt, das Urteil soll am 24. März verkündet werden.