Vor der 7. Großen Strafkammer hat ein weiterer Prozess um umfangreiche Betrugstaten an betagten Menschen begonnen, deren Schwerpunkt im Großraum Stuttgart liegt. Angeklagt ist ein 35-jähriger Mann, der zuletzt in Weinstadt gewohnt hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm insgesamt 21 Taten des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs vor, bei denen in drei Monaten zwischen September und November vergangenen Jahres ein Schaden von insgesamt rund 37 000 Euro entstanden sein soll.
Der Angeklagte war ein „Abholer“
Besonders erfolgreich war das Trio um zwei weitere noch unbekannte Täter laut Anklage im Kreis Böblingen: Allein in Gärtringen fielen fünf ältere Menschen der Masche mit den falschen Bankmitarbeitern zum Opfer, Geschädigte gab es aber auch in Renningen, Rutesheim, Steinenbronn und Holzgerlingen. Im Kreis Ludwigsburg traf es nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft betagte Frauen und Männer in Gerlingen und Ludwigsburg. In Stuttgart sollen sich drei Fälle abgespielt haben, in Herrenberg zwei. Weitere Tatorte waren laut Anklage Aichtal und Neckartailfingen im Kreis Esslingen sowie Eisingen, Knittlingen (beide Enzkreis) sowie Oberderdingen (Kreis Karlsruhe).
Der 35-Jährige war laut Anklage ein so genannter Abholer, der bei den Geschädigten an der Wohnungstür auftauchte. Diese waren zuvor durch so genannte Keiler angerufen worden, die ihnen vorspiegelten, es gebe Probleme mit ihrem Konto oder der Bankkarte, diese müsse ausgetauscht werden. Häufig verrieten die Opfer den Anrufern auch noch ihre PIN-Nummer am Telefon. In einigen Fällen erhielt der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft auch Bargeld, nachdem den Geschädigten erzählt worden war, in ihrer Gegend sei Falschgeld im Umlauf. Dies müsse anhand der Seriennummern überprüft werden.
Der Schaden bei den einzelnen Fällen betrug zwischen 1000 und 8000 Euro. In drei Fällen blieben die Täter laut Anklage erfolglos: Einmal nannte ein Geschädigter, der Verdacht schöpfte, eine falsche PIN-Nummer, einmal bestand ein Mann darauf, das Problem in einer Bankfiliale zu klären, und einmal warnte ein Nachbar in letzter Sekunden laut rufend, dass es sich um einen Betrug handle. Die Opfer waren zwischen 74 und 93 Jahre alt. Der Angeklagte wurde bei der letzten Tat in Oberderdingen festgenommen, nachdem er von einem Ermittlungsteam verdeckt überwacht worden war.
Während eines öffentlichen Rechtsgesprächs zur Abklärung einer möglichen Verständigung erklärte der Vorsitzende Richter, dass sich laut der Aktenlage die Taten wohl nachweisen lassen könnten. Neben den Daten aus der Überwachung gebe es Bilder von den Geldabhebungen und Standortdaten eines Autos, das auf den Partner der Mutter des Angeklagten zugelassen sei. Gegen ihn spreche zudem massiv, dass er eine Vorstrafe habe und unter Bewährung gestanden sei.
Der Staatsanwalt erklärte, er könne sich bei einem umfassenden Geständnis eine Haftstrafe von sechs Jahren an aufwärts vorstellen. Der Verteidiger wies auf einen Drogenkonsum im Hintergrund hin und betonte, der Angeklagte sei nur das letzte Glied in der Kette der Betrüger gewesen.
Angeklagter konsumierte Drogen
Der Angeklagte berichtete, dass er Drogen konsumiert habe, um aus dem schwierigen Alltag mit seinem Stiefvater zu fliehen. Zwei Studiengänge habe er deswegen nicht abgeschlossen. Er habe sich dann in Behandlung begeben und sei medikamentös eingestellt worden. Während der Corona-Pandemie habe es aber einen Medikamenten-Engpass gegeben, so dass er erneut zu Drogen gegriffen habe.
Der Prozess wird am 18. Mai fortgesetzt, dann will die Kammer einen Vorschlag für eine Verständigung machen. Das Urteil ist nach derzeitigem Stand nach fünf weiteren Verhandlungstagen am 25. Juni vorgesehen.