Prozess am Landgericht Stuttgart Illegal im Land und kein Mindestlohn: Küchenhilfe sagt aus

Wie kamen die Arbeitskräfte eines Sushimeisters ins Land? Das klärt nun das Landgericht. Foto: dpa (Symbolbild)

Ein Sushimeister soll Menschen aus Nicht-EU-Ländern in seinen Betrieben mit falschen Papieren beschäftigt haben. Wie lebten diese ohne Mindestlohn? Ein Ex-Mitarbeiter sagt aus.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Man hört ihn kaum, im größten Saal des Stuttgarter Landgerichts, den kleinen, schmalen Mann. In Handschellen wird er in den Saal geführt, weil er wegen eines anderen Falles in Haft sitzt. Nun nimmt er auf dem Zeugenstuhl Platz. Auf Georgisch, fast flüsternd, aber ruhig und bestimmt berichtet er, wie er in mehreren Sushi- und Chinalokalen des Angeklagten arbeitete, der wegen Schleuserei und Unterschreitung des Mindestlohns angeklagt ist.

 

Zwei Aspekte leiten die Kammer bei ihrer Vernehmung des Zeugen vor allem: Wie waren die Arbeitsbedingungen und sein Weg zu den falschen Papieren? Und was davon wusste der Chef? Darum drehen sich die zahlreichen Fragen, mit denen sie dem Mann peu à peu Details entlocken. Mit rumänischen Papieren habe er fünf Jahre lang in der Küche gearbeitet bei dem angeklagten Restaurantbetreiber, der Lokale in Stuttgart und Crailsheim betrieb.

Der Chef, ein 49-jähriger Sushimeister, soll Menschen vor allem aus Georgien und der Ukraine nach Deutschland eingeschleust und hierzulande zu schlechten Konditionen beschäftigt haben. Sie sollen weniger als den Mindestlohn erhalten haben. In der langen Liste, welche bei der Anklageverlesung zu Prozessauftakt vorgelesen worden war, sind Personen dabei, die mehr als 50.000 Euro weniger verdienten als ihnen zugestanden hätte. Insgesamt soll er in 33 Fällen 238.909 Euro zu wenig Lohn bezahlt habe. Weitere 243.328 Euro an Sozialversicherungsabgaben soll er nicht abgeführt haben, weil er die Mitarbeitenden nicht korrekt anmeldete.

Mit gefälschten ID-Karten oder Reisepässen europäischer Staaten – Rumänien, Tschechien, Litauen etwa – soll der Mann die angeworbenen Kräfte in seinen Lokalen zum Kochen oder Putzen angestellt haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, die so eingeschleusten Personen auch vermittelt zu haben. Seit Mai 2025 sitzt der in China geborene und seit dem 13. Lebensjahr in Deutschland lebende Mann in Untersuchungshaft.

Sechs-Tage-Woche im Sushi-Lokal

Am Ende habe er rund 2000 Euro im Monat verdient. Dafür arbeitete er täglich rund zehn Stunden lang. Um 10.30 Uhr begann der Dienst mit Vorbereitungen für den Mittagsbetrieb, von 15 Uhr bis 17 Uhr war Pause. Weiter ging es dann bis etwa 23 Uhr. An den Wochenenden, vor allem samstags, sei er auch mal 12 Stunden und mehr da gewesen, sagt der Mann. „Also hatten sie eine Sechs-Tage-Woche“, will der Vorsitzende Richter Rainer Gless wissen, und rechnet die Arbeitszeit und das Gehalt pro Monat gegen.

Die kleinen Reisröllchen mit Fisch und Gemüse wurden in langen Arbeitsshichten gewickelt. Foto: dpa (Symbolbild)

Er habe das Angebot angenommen, über einem Lokale nahe dem Stuttgarter Marktplatz zu wohnen. 20 bis 25 Quadratmeter groß schätzt er das Zimmer, zu zweit habe man das bewohnt. „Wir konnten uns da auch etwas zu essen machen, aber das haben wir nicht genutzt“, fügt er hinzu. Den Essen bekamen sie auch unten im Restaurant, mittags und abends. Keine Reste, sondern „das, was dort angeboten wurde: Sushi, Suppe, Fleisch, Gemüse“ habe er gegessen. Bezahlen müssen habe er das Essen jedoch nicht.

Noch nicht ganz klar wird in der Vernehmung, wie der Kontakt zu jener ominösen Frau entstand, welche den falschen Pass besorgte. Die Leute aus Georgien oder China oder anderen Nicht-EU-Staaten wurden mit Pässen aus EU-Ländern versorgt, um in Deutschland arbeiten zu können. Nein, der Chef habe keine Anweisung gegeben, dass man den falschen europäischen Ausweis zeigen soll, wenn man kontrolliert werde – aber das war offenbar eh klar. Was wohl so ein falscher Pass kostet? 250 Euro bis 300 Euro muss man hinblättern dafür.

Mit dem Chef habe er sich gut verstanden. Streit habe es nie gegeben. „Ich habe meine Arbeit gemacht, alles erledigt“, begründet das der Zeuge. Er habe nicht von Anfang an so viel verdient, sondern sich über die Jahre hochgearbeitet. Anfänger hätten etwa 1100 Euro verdient und sich jährlich gesteigert. Ob er tatsächlich viele Freunde vermittelte, das kommt nicht so recht zur Sprache. Er habe schon mal Freunde vorgestellt, nur seinen Cousin habe er richtig „hergeholt“.

Unwahrscheinlich allerdings, dass der prominente Wahlverteidiger des Angeklagten zum Prozess kommt. Der 49-Jährige hat sich den Bundestagsabgeordneten der Linken, Gregor Gysi, ausgesucht. Gysi ist dieser Tage zwar immer wieder rund im Stuttgart eifrig im Wahlkampfeinsatz – nach Stuttgart ans Gericht hat er es noch nicht geschafft.

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