Prozess am Landgericht Stuttgart Junger Mann hat mit kriminellen Brüdern gebrochen
Ein weiterer Spross einer Großfamilie, die mehr als 100 Straftaten begangen haben soll, steht vor Gericht. Der Vorwurf: Geiselnahme.
Ein weiterer Spross einer Großfamilie, die mehr als 100 Straftaten begangen haben soll, steht vor Gericht. Der Vorwurf: Geiselnahme.
Drei Jahre Jugendstrafe hat er bereits abgesessen. Seit Herbst sitzt er in Untersuchungshaft. Viel ist schiefgelaufen im Leben des 22-Jährigen, der auf der Anklagebank sitzt. Dieses Mal steht er wegen des Vorwurfs der Geiselnahme, der Erpressung und der Bedrohung vor Gericht. Das Brisante an dem Fall: Der junge Mann ist einer der Söhne einer syrischen Großfamilie, die zusammen mehr als 100 Straftaten begangen haben sollen. Weder mit den Brüdern noch mit Vater und Stiefmutter habe er noch zu tun, sagte der Angeklagte. Er habe mit allen gebrochen. Auch, weil sein Vater ihn schlug.
Der junge Mann soll im Spätsommer 2024 eine Bekannte aufgefordert haben, mit ihm in die Bahn zu steigen. Die wollte nicht. Daraufhin schaltete sich eine Freundin ein. Der damals 21-Jährige habe dann beide bedroht, er würde sie „abstechen“ und mit Steinen bewerfen. Die jungen Frauen seien dann aus Angst mitgegangen.
Wenige Tage später, Anfang September, soll er beim Milaneo eine Jugendliche bedroht und ihr Handy gefordert haben. Dabei habe er ein Messer auf sie gerichtet. Einer Passantin soll er auch das Messer vorgehalten und ihr Handy verlangt haben. Sie rief die Polizei. Die Freundin soll er festgehalten und in Richtung Bahnhof geschleppt haben. Er habe gesagt, er werde sie nach Österreich bringen. Das wertet die Staatsanwaltschaft als Geiselnahme.
Der Angeklagte äußert sich nicht zu den Taten. Seine Anwältin gab eine Erklärung für ihn ab. Er habe die jungen Frauen nur nach Hause bringen wollen, weil ihre Eltern das gefordert haben, so seine Darstellung zum ersten Zwischenfall. Die Bedrohung räume er ein. Er habe aber helfen wollen. Am Milaneo habe er ebenfalls eine junge Frau nach Hause bringen wollen. Die Passantin habe er nicht bedroht – sie sei nur vorbeigegangen, als er das Handy seiner Bekannten forderte.
Zu seiner Vita gab der junge Mann bereitwillig Auskunft, er benötigte auch den Dolmetscher dafür nicht. Viele seiner Brüder sitzen aktuell entweder in Haft oder stehen vor Gericht, etwa wegen einer Messerstecherei an der Königstraße im vergangenen Sommer. Er sei mit seiner Familie 2015 aus Syrien geflüchtet, erst bis Griechenland, dann 2018 nach Deutschland. Seither saß er drei Jahre in Haft, nun ist er seit Anfang September wieder in Untersuchungshaft. Auf der Liste der Taten, wegen der er die Jugendstrafe verbüßte, stehen Gewalttaten, Widerstand gegen die Polizei und Ladendiebstahl. Er habe alle möglichen Drogen genommen und bis zu drei Flaschen Wodka pro Tag getrunken. „Wirklich drei Flaschen? Große, 0,7 Liter?“ fragte die Vorsitzende Richterin erstaunt nach. „Ja, drei.“
In Syrien sei er nicht in die Schule gegangen, erst in Deutschland habe er lesen und schreiben gelernt – und die Sprache. Seine Mutter sei durch einen Bombenangriff umgekommen, als er acht Jahre alt war. Der Vater habe eine neue Frau, er habe vier leibliche und neun Stiefgeschwister. Die Richterin fragte, ob er in Syrien auch Bedrohungen ausgesetzt gewesen sei. Der 22-Jährige sagte, er sei von der Terrororganisation Isis gezwungen worden, einen Menschen mit einem Schwert zu töten. Das habe er auch getan, sagte er auf Nachfrage: Man habe gedroht, sonst seinen Bruder und Vater zu töten.
Über seine Zukunft habe er sich schon Gedanken gemacht, sagte der junge Mann beim Prozessauftakt. Da er wisse, dass er abgeschoben werden soll, wolle er die EU verlassen und sich in einem anderen Land eine Arbeit suchen.
Das Verfahren am Stuttgarter Landgericht wird am 19. Februar fortgesetzt.