Prozess am Landgericht Stuttgart Messerattacke am Bahnhof Bad Cannstatt

Das Opfer musste wegen der schweren Bauchverletzung notoperiert werden. Foto: dpa/Boris Roessler
Das Opfer musste wegen der schweren Bauchverletzung notoperiert werden. Foto: dpa/Boris Roessler

Ein Fremder pöbelt eine junge Frau an, deren Freund mischt sich ein – und bekommt unvermittelt ein Messer in den Bauch gerammt. Das Opfer leidet bis heute an der Attacke.

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Stuttgart - Einen unverstellten Blick auf ein Geschehen zu bekommen, dass sämtliche Beteiligten mehr oder weniger alkoholisiert erlebt haben – dieser Aufgabe stellt sich die 9. Schwurgerichtskammer des Landgerichts seit Montag in einem Verfahren wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Vor einem halben Jahr soll ein 23 Jahre alter Angeklagter mit seinem Messer einem Passanten auf dem Bahnsteig in Bad Cannstatt in den Bauch gestochen und ihn dabei schwer verletzt.

Dass es der Angeklagte mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, wurde gleich am ersten Verhandlungstag klar: Der fünfköpfigen Kammer wollte der Mann zunächst Glauben machen, über seinen Asylantrag sei noch nicht entschieden, dem psychiatrischen Sachverständigen gab er einen anderen Geburtsort an, der Polizei berichtete er bei seiner Vernehmung nach der Tat, die Freundin des späteren Opfers habe ihn um Hilfe gebeten. „Da habe ich gelogen“, tat der Mann die Nachfragen der Prozessbeteiligten nun schlicht ab. Unbeirrt vom Verhalten des 23-Jährigen Mannes versuchte der Vorsitzende Richter Jörg Geiger ruhig und sachlich, die Anklagepunkte zu verifizieren. Laut Ermittlungsbehörde hatte der Angeklagte im Sommer 2019 eine junge Frau mit Bemerkungen und Gesten auf sich aufmerksam gemacht. Als ihr Freund ihn aufforderte, wegzugehen, kam es laut Anklage zu einer verbalen und anschließend zu einer tätlichen Auseinandersetzung.

Das Opfer lag eine Woche im Krankenhaus

„Ich habe gespürt, dass ich was in den Bauch gerammt bekam“, sagte das Opfer mit leiser Stimme im Gerichtssaal. Der 32-Jährige gab an, selbst angetrunken gewesen zu sein, über das genaue Geschehen habe er Gedächtnislücken. „Als ich an mir herunterschaute, sah ich, dass Blut aus mir rausläuft.“ Er habe versucht, den flüchtenden Täter zu verfolgen und mit seinem Handy die Polizei angerufen. Als er das Blaulicht gesehen habe, sei ihm sehr schwindelig geworden.

Bis heute leidet der Monteur aus Waiblingen seinen Worten nach unter Schlafstörungen und hat Angst, wenn er am Bahnsteig stehe. Eine Woche lang lag er in der Klinik; sein Darm war bei der Attacke verletzt worden. Zwei Monate lang litt er unter sehr starken Schmerzen; nun gehe es wieder einigermaßen. Auf die Nachfrage des Vorsitzenden Richters, ob er nicht psychologische Hilfe wolle, erklärte der Zeuge, er versuche, die Situation selbst in den Griff zu bekommen, auch aus Angst, sonst seinen Job zu verlieren.Die Schilderung der Verletzungen will so gar nicht zu den Erklärungen des Angeklagten passen. Erst will er „nur mit der Hand geschlagen“ haben, und das auch nur, weil der andere angefangen habe. Den ganzen Tag habe er Bier und Wodka getrunken und noch drei Ecstasy-Pillen geschluckt. Dann räumte er ein, ein Messer aus der Hosentasche gezogen zu haben, das er dort „nach dem Kochen am Tag zuvor vergessen hat“. Der bereits mehrfach vorbestrafte Mann beteuerte zudem, nur dieses eine, kleine Messer bei sich gehabt und nach der Tat weggeworfen zu haben. Die Polizei stellte bei seiner Festnahme ein Messer mit einer mehrere Zentimeter langen Klinge im Futter der Jacke sicher.

Die Kammer wird in weiteren drei Verhandlungstagen sieben Zeugen sowie zwei Sachverständige anhören, um zu einem Urteil zu kommen. Der Prozess wird am 30. Januar fortgesetzt.




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