Prozess am Landgericht Stuttgart Mitmenschen um mehr als 377 000 Euro betrogen

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Eine 63-Jährige soll sich über Jahre hinweg große Summen Geld geliehen haben, das sie wiederum an Betrüger überwies. Sie steht deshalb nun selbst wegen Betrugs vor dem Landgericht Stuttgart.

Eine 63-Jährige muss sich wegen schweren Betrugs vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Foto: dpa/Patrick Seeger
Eine 63-Jährige muss sich wegen schweren Betrugs vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Foto: dpa/Patrick Seeger

Stuttgart - Um insgesamt 377 750 Euro soll eine 63-Jährige Familienangehörige, Freunde und Bekannte gebracht haben. 103 Geschädigte nennt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage vor der 8. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart, wo sich die Frau seit diesem Mittwoch wegen Betrugs in besonders schwerem Fall verantworten muss.

Zwischen 2014 und 2018 soll die Angeklagte, die als Gemeindereferentin in verschiedenen katholischen Kirchengemeinden – auch im Rems-Murr-Kreis – tätig war, 291 Mal Menschen aus ihrem Umfeld um Geld gebeten haben. Dafür, so der Staatsanwalt, habe sie verschiedene Lügengeschichten erfunden – so waren es beispielsweise Prozesskosten in der Schweiz oder Medikamente aus den USA, die die Frau angeblich bezahlen musste.

Warum fiel sie immer wieder auf Betrüger herein?

Ihre Gläubiger seien davon ausgegangen, dass sie die Summen im Bereich von 200 bis 5000 Euro wieder zurückbekommen würden. Tatsächlich aber beglich die 63-Jährige nur 17 550 Euro der Schulden. Denn das geliehene Geld überwies sie mutmaßlichen Betrügern, die ihr günstige Darlehen versprachen. 2014 habe sie ein derartiges Angebot per E-Mail erhalten, zu einer Zeit, als sie sich ein neues Auto kaufen wollte. Die Frau ging auf den Deal ein. Warum sie sich nicht an das Autohaus oder eine Bank gewandt habe für eine Finanzierung, wollte der Vorsitzende Richter wissen. Darauf konnte die Angeklagte, die die Vorwürfe einräumte, keine Antwort geben.

Obwohl sie das im Jahr 2014 versprochene Darlehen nie erhielt und sich das Geld für den Autokauf schließlich von ihrem Bruder leihen musste, ließ sie sich in den Folgejahren immer wieder auf diverse Betrüger ein und überwies ihnen hohe Summen. Warum? Diese Frage versuchte der Vorsitzende Richter zu klären. Sie habe wirklich bis zum Schluss geglaubt, dass sie das versprochene Geld erhalte – sie sei sehr verzweifelt gewesen und habe nur ihre Schulden zurückzahlen wollen, beteuerte die Frau. Ob sie verstehe, dass sie betrogen werde und auf diese Weise niemals Geld bekommen werde, hakte der Richter nach. Die Angeklagte bejahte dies. Sie wolle nur ihre Schulden begleichen, wiederholte sie wieder und wieder unter Tränen. Offenbar war es den Betrügern stets aufs Neue gelungen, bei der 63-Jährigen die Hoffnung auf finanzielle Unterstützung zu nähren.

Job verloren

Dabei wirkten sich ihre eigenen Betrügereien massiv auf ihr Leben aus, schilderte die Angeklagte: So sei ihr Ende 2017 gekündigt worden, der Kontakt zu ihrer Mutter und ihrem Bruder ist abgebrochen. Was sie getan habe, treibe sie um, weshalb sie in der Vergangenheit immer wieder psychologische Hilfe in Anspruch genommen habe. Selbst in der Klinik soll sie Mitpatienten um Geld gebeten haben. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.