Prozess am Landgericht Stuttgart Randalierer wollte zum Beten in die Johanneskirche

An die herausgerissene Bank kann sich der Beschuldigte noch erinnern. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Muss ein 38-Jähriger in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen werden? Darum geht es im Fall des Mannes, der im Dezember in der Kirche am Feuersee wütete.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Evangelisch ist er nicht, aber gläubig, katholisch erzogen, sagt der Beschuldigte. Deswegen tue es ihm auch besonders leid, was er Anfang Dezember in der evangelischen Johanneskirche am Feuersee im Stuttgarter Westen angerichtet habe. Der Mann leugnet die Tat nicht, aber richtig erinnern kann er sich nicht mehr. Er soll laut Anklage in der Kirche gewütet, Fenster eingeschlagen und Bänke herausgerissen haben. Der Schaden wird auf mindestens 100 000 Euro beziffert. „Das kann ich mit meinen Werten nicht vereinbaren“, sagt der 38-Jährige reuig am zweiten Verhandlungstag am Stuttgarter Landgericht.

 

Auf Nachfragen dämmert ihm dann doch einiges, was er in psychotischem Zustand in jener Nacht getan haben soll. Ob er die Orgel mit dem Feuerlöscher verunreinigt habe, fragt ihn etwa der Vorsitzende Richter. Das verneint der Mann zunächst. Dann aber kommt heraus, dass er sich an das Versprühen des Feuerlöscherinhaltes doch erinnern kann, auch, dass das auf der Empore war. Der Zusammenhang mit der Orgel war ihm aber nicht mehr präsent. Dass er psychotische Phasen hat, ist dem Mann hingegen bewusst. Er sei sauer gewesen, dass die Kirche zu war – mitten in der Nacht –, denn er habe beten wollen. Das ging nicht. Wohl aufgrund dieses Frusterlebnisses rastete er aus – und die Erinnerung verblasst. Im Polizeiauto auf dem Weg in die Gewahrsamseinrichtung am Pragsattel soll er sich gegenüber einem Beamten anders geäußert haben: Er sei ein Sohn Satans, von denen gebe es Tausende auf Erden. Die Kirche sei hässlich und habe billige Fenster. Man müsse sie platt machen und dort eine Moschee errichten. Was er damit ausdrücken wollte, kann der 38-Jährige ein halbes Jahr später nicht mehr einordnen.

Ein Wutausbruch war es auch im November, der ihn vermutlich im psychotischen Zustand ausrasten ließ. An der Königstraße soll er einen Aschenbecher nach einem Mann geworfen haben. Davor habe er erfahren, dass der Weihnachtsmarkt abgesagt wurde. Wieder zeigt er im Gerichtssaal Reue. Er habe den Mann nicht treffen wollen und sei froh, vorbeigeworfen zu haben.

Neben dieser Attacke und der Randale in der Kirche wird dem Mann noch ein Diebstahl von Baustellenmaterial vorgeworfen und ein Fall von sexueller Belästigung, den er abstreitet. In dem Verfahren geht es darum festzustellen, ob der Mann aufgrund seiner Psychose dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden muss.

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