Prozess am Landgericht Stuttgart Telefonbetrüger-Bande vor Gericht: 21-Jähriger könnte Hintermänner verraten

Die drei Angeklagten haben es vor allem auf Hochbetagte abgesehen (Symbolfoto). Foto: dpa

Im Prozess um falsche Bankmitarbeiter am Landgericht Stuttgart hat der erste von drei Angeklagten ein Verständigungsangebot angenommen – und ein Geständnis angekündigt.

Am vierten Tag ist in den seit Ende September laufenden Prozess um einen groß angelegten Telefonbetrug mit falschen Bankmitarbeitern in den Kreisen Ludwigsburg, Böblingen und im Rems-Murr-Kreis Bewegung gekommen. Ein 21-jähriger Angeklagter nahm den Verständigungsvorschlag des Gerichts an, nach dem ihm im Falle eines Geständnisses eine Haftstrafe zwischen drei Jahren und elf Monaten und vier Jahren und elf Monaten in Aussicht gestellt wird. Möglicherweise will er auch die Namen von Hintermännern nennen.

 

Zudem stellte seine Familie einen Betrag von 14.000 Euro zur Verfügung, der anteilig an die Geschädigten verteilt werden soll. Eine Erklärung über seinen Verteidiger soll im nächsten Termin am 14. November erfolgen. Dann will sich auch ein 28-jähriger Mitangeklagter zu den Tatvorwürfen äußern. Auch ihm und dem dritten, 20 Jahre alten, Angeklagten hat die 3. Große Jugendkammer Verständigungsvorschläge unterbreitet.

EC-Karten und Bargeld bei Hochbetagten abgeholt

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen aus Stuttgart und den 21 und 20 Jahre alten Männern aus Göttingen gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Sie sollen EC-Karten und Bargeld bei hochbetagten Senioren abgeholt haben, denen geschulte Mitarbeiter am Telefon vorgespiegelt hatten, ihr Bankvermögen sei in Gefahr. Die vermeintlichen Bankmitarbeiter haben sich laut Anklage unter Allerweltsnamen wie Müller oder Schmidt ausgegeben, um eine vermeintliche Gefährdung des Kontovermögens abzuwehren und ergatterten von den Angerufenen dafür PIN-Nummer und EC-Karte. Zwei der Angeklagten sollen zeitweise auch die Abholungen organisiert haben.

Die Angeklagten müssen sich vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Aktiv war das Trio laut Anklage in den ersten drei Monaten dieses Jahres schwerpunktmäßig in Baden-Württemberg und Niedersachsen, aber auch in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Bremen. Die Staatsanwaltschaft hat 26 Fälle aufgelistet, bei denen die Angeklagten von zumeist hochbetagten Opfern insgesamt 45.000 Euro erbeutet haben sollen.

Im Januar soll eine Frau bei einem 83-Jährigen in Backnang angerufen und ihn gefragt haben, ob er eine Überweisung von 4200 Euro an Zalando autorisieren könne. Nachdem der Mann dies abgelehnt hatte, habe die Anruferin ihm erklärt, dass sie für die Stornierung der Zahlung seine PIN-Nummer und seine Bankkarte brauche. Der 28-jährige Angeklagte soll die Karte abgeholt und bei einer nahegelegenen Filiale 1800 Euro abgehoben haben, nachdem der Angerufene die PIN-Nummer am Telefon preisgegeben hatte.

Anfang Februar überzeugte laut Anklage eine Anruferin eine 86-jährige Frau in Leonberg am Telefon, dass sie eine neue EC-Karte bekäme und ihre alte abgeben müsse. Zudem müsse ihre PIN-Nummer geändert werden. Auch hier soll der 28-jährige Angeklagte erschienen sein und mit Karte und PIN-Nummer nicht nur insgesamt 3000 Euro an einem Bankautomaten abgehoben haben, sondern auch noch 4000 Euro Bargeld aus der Wohnung der Frau mitgenommen haben – mit der Erklärung, er müsse überprüfen, ob es sich um Falschgeld handle.

Schorndorf: PIN-Nummer am Telefon abgefragt

Bei einem 86-jährigen Mann in Schorndorf soll die Bande mit dem Vorwand, eine Zahlung an Amazon über 4200 Euro stornieren zu können, erfolgreich gewesen sein. Wiederum soll der 28-Jährige die EC-Karte abgeholt haben – diesmal unter dem Vorwand, diese sei zu zerkratzt und müsse ausgetauscht werden. Dank der am Telefon erfragten PIN-Nummer habe er dann 1000 Euro an einer Bankfiliale in Schorndorf abgehoben.

Laut Anklage ergaunerte die Bande mit ähnlichen Maschen bei einer 86-Jährigen aus Kornwestheim und einer 88-Jährigen aus Korntal-Münchingen jeweils 1000 Euro. Bei einem 89-jährigen Mann aus Möglingen und bei einer 81-jährigen Frau aus Hemmingen soll die Beute jeweils 2500 Euro betragen haben. Bei einer 85-jährigen Frau aus Renningen misslang der Versuch, da diese misstrauisch wurde.

Festgenommen wurden zwei der drei Angeklagten auf frischer Tat im badischen Karlsbad, nachdem die Polizei nach einer Funkzellenauswertung auf die Spur der Bande gekommen war und das Duo observiert hatte. Der 28-Jährige muss sich wegen 23 Taten verantworten, der 21-Jährige wegen 18-fachen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Der 20-Jährige soll bei fünf Taten dabei gewesen sein.

Für den Prozess sind nach derzeitigem Stand drei weitere Verhandlungstage vorgesehen, das Urteil soll am 21. November verkündet werden. In einem Parallelverfahren muss sich ein 30-Jähriger vor der 5. Großen Strafkammer wegen derselben Masche verantworten.

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