Prozess am Landgericht Stuttgart Wenn Einbruchsopfer die eigene Wohnung meiden

Sie haben Fenster und Terrassentüren aufgebrochen, dann sind die Täter in die Häuser eingestiegen. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Am Landgericht müssen sich drei Männer wegen einer Einbruchsserie verantworten. Bei der Anklageverlesung wird auch klar, was die Taten bei ihren Opfern neben dem materiellen Schaden auch seelisch anrichteten.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Wenn ein Strafverfahren am Landgericht landet, dann wird oft der Vorwurf laut, bei der Aufarbeitung drehe sich alles nur um die Tatpersonen, das Schicksal der Opfer komme zu kurz. In den ersten Minuten des Prozesses in Stuttgart gegen eine dreiköpfige Einbrecherbande wird am Montag jedoch deutlich, dass hier an mehreren Tagen der auf 16 Termine angesetzten Hauptverhandlung auch ans Licht kommen wird, wie es den Menschen ergangen ist, deren Häuser oder Wohnungen aufgebrochen und durchwühlt wurden. Denn die Anklageschrift klingt zunächst zwar wie eine lange Liste mit Adressen, Sachschäden an aufgebrochenen Fenstern und Werten der entwendeten Beute. 29 Taten kreuz und quer durch die Region werden den drei Männern vorgeworfen, die die Polizei Anfang Dezember fassen konnte. Seither sitzen sie in Untersuchungshaft.

 

Eine Frau kann vier Wochen lang nicht zuhause schlafen

Doch immer wieder klingen Schicksale an. Bei Tatziffer 7 trägt der Staatsanwalt vor, dass ein Mann im Süden des Landkreises Ludwigsburg „zunächst nicht wieder in die Wohnung“ konnte, nachdem dort Ende Oktober 2023 eingebrochen worden war. Vier Wochen lang habe eine Frau aus dem Rems-Murr-Kreis nicht mehr in ihren eigenen vier Wänden schlafen können, so tief saß der Schock des Einbruchs Anfang November. Das ist Tatziffer elf. Erst, nachdem ihr Sohn mehrmals bei ihr in der Wohnung übernachtet habe, habe sie das wieder geschafft. Und bei Tatziffer 26 ist die Rede von einer betagten Frau, die „durch die Tat sehr betroffen war“, trägt der Vertreter der Anklage weiter vor.

Die drei Männer im Alter von 51, 45 und 31 Jahren hatten sich im Herbst des vergangenen Jahres zusammengeschlossen. Ihre Arbeitsteilung war klar geregelt: Der Jüngste war zum regulären Broterwerb als Lieferant unterwegs. Während dieser Arbeit kundschaftete er für Einbrüche geeignete Objekte aus. Zu diesen fuhr er dann seine beiden Komplizen, die in der Zeit auch bei ihm wohnten. Während sie Fenster und Terrassentüren aufhebelten und die Wohnungen nach Wertsachen durchwühlten, wartete der Fahrer draußen und schob Wache. Sollte Polizei unterwegs sein oder sonst jemand Verdacht schöpfen, warnte er die Mittäter. Das half ihnen bei einem Einbruch in Remshalden (Rems-Murr-Kreis) am 11. November 2023. Eine Nachbarin habe – so heißt es in der Anklage – die Schatten der Gestalten im Haus gesehen, das sie sich ausgesucht hatten. Sie rief die Polizei. Die Eindringlinge konnten flüchten, machten sich aber auf dem Weg gleich an einem weiteren Objekt zu schaffen.

Die Spur der Bande führt kreuz und quer durch die Region

29 Einbrüche legt die Anklage den drei Männern zur Last. Sie bewegten sich von Ende Oktober an im Raum Stuttgart, wo sie unter anderem in Botnang zuschlugen. Im Kreis Ludwigsburg trieben sie in Ditzingen, Markgröningen und Tamm ihr Unwesen. Aus dem Rems-Murr-Kreis stand neben besagtem Remshalden auch Waiblingen auf der Liste. Im Landkreis Göppingen kamen Taten in Salach, Geislingen und Süßen hinzu. Mitunter waren auch Objekte dabei, in denen die zwei Einbrecher keine Beute fanden.

Auf der Liste der gestohlenen Gegenstände stehen Uhren, schmuck und Münzen. Insgesamt hatte die Beute der Bande einen Wert von rund 150 000 Euro. Dabei waren es oft nur kleinere Beträge. Aber dann war eben auch mal ein Haus dabei, in dem die Täter zwei Luis-Vuitton-Taschen, Schmuck und Kleidung im Wert von rund 68 000 Euro auf einen Schlag fanden. Und dann wiederum gab es auch Spardosen in Kinderzimmern, in denen knapp 1000 Euro steckten.

Wie fallen Erkundungsfahrten in Wohngebieten auf?

Am Rande konnte man beim aufmerksamen Zuhören auch feststellen, was die Polizei meint, wenn sie Zeuginnen und Zeugen bittet, „auffällige Wahrnehmungen“ zu melden: Der Staatsanwalt trug vor, dass das Trio mit Mietwagen mit den Kennzeichen HH für Hamburg oder WI für Wiesbaden „in Schrittgeschwindigkeit durch Anwohnerstraßen“ fuhr. Das war immer, kurz bevor sie zuschlugen – und zum Glück der Ermittelnden auch etwas, das Hinweise auf die Bande lieferte, denn das war zum Beispiel Ende November aufmerksamen Menschen in Kirchheim unter Teck aufgefallen.

Das Verfahren wird am 20. August fortgesetzt. Es sind Termine bis kurz vor Weihnachten vorgesehen.

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