Prozess am Mannheimer Landgericht Der junge Schützling hat Millionen veruntreut

Von Johanna Eberhardt 

Der angeblich erfolgreiche Jungunternehmer Soheyl Ghaemian muss sich wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue vor Gericht verantworten. Auch seinen Förderer Hans-Peter Wild hat er jahrelang getäuscht.

Der aus dem Iran stammende Reutax-Gründer Soheyl Ghaemian (Mitte)  zu Beginn des Prozesses im Mai mit seinen Anwälten. Foto: gerold-fotografie
Der aus dem Iran stammende Reutax-Gründer Soheyl Ghaemian (Mitte) zu Beginn des Prozesses im Mai mit seinen Anwälten. Foto: gerold-fotografie

Mannheim - Der Personaldienstleister Reutax in Heidelberg galt lange als einer der erfolgreichsten Vermittler von IT-Fachleuten weit und breit, Hunderte freiberuflicher Berater waren für das Unternehmen tätig. Sein Gründer, der aus dem Iran stammende Soheyl Ghaemian, war in den besseren Kreisen der Stadt immer gern gesehen. Oberbürgermeister Eckart Würzner hat sich mit ihm fotografieren lassen, die Universität und ihr Rektor haben ihn 2007 zum Ehrensenator gemacht.

Inzwischen ist offensichtlich: ziemlich viele aus dem Heidelberger Gesellschaftsleben haben sich von dem inzwischen 35-jährigen Aufsteiger blenden lassen. Als der Insolvenzverwalter Tobias Wahl im Frühjahr 2013 mit seinen Mitarbeitern erstmals in dessen Firma kam, sahen sie auf vier Etagen vor allem „viel Platz, viele leere Räume; das Unternehmen war führungslos“, sagte er als Zeuge vor dem Mannheimer Landgericht, „es war chaotisch“.

Wilds Darlehen wurde für den Kauf einer Villa verwendet

Seit Mitte April muss sich Ghaemian dort vor einer Wirtschaftsstrafkammer des Gerichts wegen Betrugs und Untreue verantworten. Der Hauptgeschädigte in dem Fall ist laut Anklage einer der bekanntesten Unternehmer aus der Region: Hans-Peter Wild (72), dessen Vater einst den inzwischen weltweit tätigen Aromen- und Getränkehersteller in Eppelheim bei Heidelberg gegründet hatte. Fünf Millionen US-Dollar hat Wild 2011 Ghaemian als Darlehen für eine geplante Expansion seines Unternehmens in den USA gegeben. Er sei davon ausgegangen, dass nach dem Wachstumsplan, der ihm vorgelegt worden war, etwa zum heutigen Zeitpunkt ein erfolgreicher Börsengang möglich gewesen wäre. Doch statt dessen hatte Ghamian Wilds Darlehen in den Kauf einer neun Millionen Dollar teuren Villa in Los Angelos gesteckt.

Davon, versicherte Wild gestern im Zeugenstand, habe er damals nichts gewusst. Ein Haus für neun Millionen sei für seinen jüngeren Freund Ghaemian – er nennt ihn noch immer Soheyl – „absolut unangemessen“ gewesen. „Das war weit über seine Verhältnisse, das hätte ich nie akzeptiert“, sagte er. Er wolle im Nachhinein nicht ausschließen dass er ihm damals, wenn er ihn gefragt hätte, auch ein privates Darlehen gegeben hätte. „Aber nicht dafür. Seine Firma war in Heidelberg und in Zug in der Schweiz, da musste er sein“, meinte er. Auch Wild selbst hat den Sitz seiner Holding und seiner Wohnung schon vor langem in die Schweiz verlagert, die Kontakte zu seiner alten Heimat und zu Heidelberg hat er deshalb nicht abbrechen lassen. Dort, im feinen Rotary-Club Heidelberg-Schloss, einem von drei Rotarierclubs der Stadt, habe er Ghaemian im Jahr 2007 kennengelernt, berichtete er.

Laut der Aussage von Wild waren Ghaemians Pläne gut

Der sei kurz zuvor von Ernst und Young als „Entrepreneur des Jahres“ ausgezeichnet worden und „ein erfolgreicher Jungunternehmer“ gewesen. Vielversprechende junge Leute habe er immer gern unterstützt. Einige von ihnen, insbesondere in der Getränkebranche, hätten später sehr viel Geld verdient. Als Ghaemian Ende 2007 mit der Bitte um Wachstumskapital an ihn herangetreten sei, habe er sich daher gesagt: „Warum nicht einmal jemanden in Heidelberg fördern?“

Die Pläne des jungen Reutax-Chefs seien sehr gut gewesen, sagte Wild. „Sie waren professionell ausgearbeitet, sie hatten Hand und Fuß“. Das sei auch später immer so gewesen. „Das andere war, dass die Zahlen falsch waren. Aber das sieht man in den Plänen nicht“, stellte Wild fest. Sein Verhältnis zu seinem deutlich jüngeren Schützling habe auf Vertrauen gefußt, deshalb habe er auf Sicherheiten verzichtet. „Rotarische Freunde bescheißen sich nicht“, sagte er.

Insgesamt waren die Verluste, die Wild durch die vermeintliche Förderung seines Heidelberger Schützlings erlitten hat, aber noch deutlich größer als die, die durch das für die Anklage maßgebliche zweckentfremdete Fünf-Millionen-Dollar-Darlehen entstanden sind.

Der tatsächliche Verlust des Unternehmers Wild blieb unklar

Wie der 72-Jährige im Zeugenstand berichtete, hat er sich darüber hinaus 2008 mit 12,9 Millionen Schweizer Franken an einer Kapitalerhöhung der dortigen Reutax beteiligt und in der folgenden Zeit jedes Jahr etwa fünf Millionen Franken für Aktienkäufe oder weitere Kapitalerhöhungen bereit gestellt; der Wert der Firma liege heute bei Null, sagte er. Dazu kämen zehn Millionen Euro für ein Darlehen in Heidelberg. Wie viel Geld Wild insgesamt verloren hat, blieb vor Gericht offen.

Erst im Frühjahr 2013 habe ihm Ghaemian alles „gebeichtet“, sagte Wild. Bis dahin habe er nichts gewusst von den vielen Luxusautos, Booten und der Villa. Seine Verluste habe er für sich abgeschrieben. „Das war ein Fehler, er war sehr teuer“ gestand er, aber: „Das ist nichts, was mich nachts wach hält“. Heute glaube er, Ghaemians Firma sei schon 2008 Pleite gewesen. „Mein Einstieg war damals die Rettung, dadurch wurden die Verluste der Vergangenheit ausgeglichen“ Aufhalten konnten Wilds Millionen den Niedergang nicht. Bereits 2011 – zwei Jahre vor der Insolvenz – hatte das Unternehmen mit einem Verlust von 24 Millionen abgeschlossen. Das hat der Insolvenzverwalter inzwischen herausgefunden.