Engel oder Biest? In Perugia hat das Berufungsverfahren gegen die amerikanische Studentin Amanda Knox begonnen.

Rom - Der "Engel mit den Eisaugen" – so heißt Amanda Knox in der italienischen Presse. Das Land lässt sich spektakuläre Mordprozesse gerne bis in die allerletzten Facetten ausleuchten und diskutiert an der Bar mit Eifer sogar noch darüber, was die Angeklagten mit wechselnden Haarfarben und -längen zur Wahrheitsfindung beitragen oder nicht. Vor drei Jahren, unmittelbar nach dem grausamen Mord an einer englischen Mitstudentin, ist die heute 23-jährige Amerikanerin Amanda Knox im mittelitalienischen Perugia verhaftet worden – und seit dieser Zeit ist ganz Italien fasziniert von dem Gedanken, dass eine blutjunge, bildhübsche, ganz der Poesie und den Schönheiten Italiens zugetane Studentin womöglich auch eine brutale, sexuell hemmungslose, Drogen konsumierende Mörderin sein könnte.

26 Jahre Haft hat ein Gericht in Perugia im Dezember 2009 über Amanda Knox verhängt; ihr früherer italienischer Freund Raffaele Sollecito (26) hat 25 Jahre bekommen; im abgetrennten Verfahren ist der Afrikaner Rudy Guede bereits in zweiter Instanz zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Alle drei sind für schuldig befunden worden, am 1. November 2007 in einer – laut Gericht – "Aufschaukelung von Drogeneinfluss, sexueller Erregung und Gewalt" die 21-jährige, englische Kommilitonin Meredith Kercher ermordet zu haben.

"Skandlöse Schlamperei"


Gewaltiges Aufsehen hat in Italien nicht nur die Tat selbst, sondern auch der Prozess in erster Instanz erregt. Da ging es um DNA-Spuren am Büstenhalter der Ermordeten, um Spermaflecken, um halb verwischte Blutspuren, um ein Küchenmesser, das "zur Selbstverteidigung" zwischen den Studentenwohnungen hin- und hertransportiert wurde. Den Prozess begleiteten aber auch amerikanische Medien und Blogs – in genauso heftiger Spektakularisierung und in geballter Kritik an der "skandalösen Schlamperei", mit denen die italienische Justiz sowohl die Ermittlungen als auch die Gerichtsverhandlung geführt habe. Über die "schöne Unschuldige im Kerker" ist ein amerikanischer Kinofilm in Vorbereitung, auch wenn die Eltern der Ermordeten dagegen protestieren.

Amanda Knox hat im Gefängnis zahlreiche Heiratsanträge bekommen; zuletzt interviewte sie sogar ein Parlamentsabgeordneter. Sein erst kürzlich veröffentlichter, 236-seitiger Gesprächsband "Ich komme mit dir" sollte die Öffentlichkeit auf den Berufungsprozess einstimmen. Zur Tat sagt Knox darin kein Wort, sie breitet dafür ihre Interessen an der italienischen Literatur aus, bezeichnet sich als "Vogel im Käfig" und beteuert, wie gerne sie Mutter wäre; sie würde, sagt sie, am liebsten ein Kind adoptieren, "weil doch so viele keine Eltern haben". Der Gefängniskaplan hat angeblich gesagt, Knox werde bestimmt Ordensschwester. Das kommt gut an im katholischen Italien.

Am Mittwoch nun hat der Berufungsprozess gegen Amanda Knox und Raffaele Sollecito formell begonnen. Die beiden bezeichnen sich weiterhin als unschuldig und lasten das Verbrechen komplett dem Afrikaner Guede an. Die Verteidiger von Knox und Sollecito kritisieren das Urteil der ersten Instanz, das sich zur Gänze auf Indizien stützt, als "voller Fehler" und als "schmerzlichen Justizirrtum". Am 11. Dezember will das Schöffengericht in die inhaltliche Debatte einsteigen.