Prozess gegen die Bataclan-Attentäter von 2015 beginnt Horrorberichte im Halbstundentakt

Gedenkort Bataclan: Die Anschläge vom 13. November 2015 waren die schwersten in der französischen Geschichte. Foto: imago / /L.Urman
Gedenkort Bataclan: Die Anschläge vom 13. November 2015 waren die schwersten in der französischen Geschichte. Foto: imago / /L.Urman

Am 13. November 2015 sind bei einer Anschlagsserie in Paris 130 Menschen ums Leben gekommen. Der Prozess gegen die Verdächtigen beginnt an diesem Mittwoch – es wird der aufwendigste, den die französische Justiz je geführt hat.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)
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Paris - Der Prozess ist ein Blick in den Abgrund. 130 Menschen sind am 13. November 2015 in Paris von islamistischen Terroristen ermordet worden, 350 Menschen wurden verletzt. Fast sechs lange Jahre sind seit den Attentaten ins Land gegangen, zurückgeblieben sind Narben an Körper und Seele der Überlebenden und eine traumatisierte Nation. Nun beginnt in Paris das Verfahren „V13“ – V steht für vendredi (Freitag). 20 Verdächtige stehen vor Gericht, unter ihnen Salah Abdeslam (31), der einzige noch lebende mutmaßliche Attentäter. Der Franzose marokkanischer Abstammung wurde in Brüssel bereits zu 20 Jahren Haft verurteilt – wegen einer Schießerei kurz vor seiner Festnahme, bei der im März 2016 drei Polizisten verletzt wurden. Er hat sich nie detailliert zu der Tat geäußert.

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Islamistische Extremisten hatten an jenem Freitagabend im November in der Pariser Konzerthalle Bataclan ein Massaker angerichtet und 90 Menschen erschossen. Fast zeitgleich wurden Bars und Restaurants im Osten der Hauptstadt angegriffen – und am Stade de France sprengten sich während des Fußball-Länderspiels Frankreich-Deutschland drei Selbstmordattentäter in die Luft. Zu der Tat bekannte sich der sogenannte Islamische Staat (IS). Unter den Opfern waren auch zwei Deutsche, ein 28 Jahre alter Architekt und ein in Frankreich lebender Deutschlehrer.

Verstörende Berichte

Der Prozess, der bis weit ins Frühjahr dauern soll, wird auch dazu dienen, öffentlich das Trauma jener Terrornacht aufzuarbeiten. Mehrere Hundert Opfer und Angehörige werden ihr Martyrium schildern. Jeder wird eine halbe Stunde Zeit haben, das kaum vorstellbare Grauen in Worte zu pressen.

Was die Öffentlichkeit erwartet, lassen Medienberichte vor Prozessbeginn erahnen. Besonders verstörend ist ein Bericht des Senders France Info über die Arbeit in der Pariser Notrufzentrale. Immer wieder werden Tonmitschnitte eingespielt – und jeder Anruf ist wie ein kleines Puzzlestück, erst nach und nach erahnen die Mitarbeiter in der Zentrale das Ausmaß des Massakers. Überraschend ist, wie ruhig die Anrufer oft von Männern berichten, die mit Schnellfeuergewehren durch die Straßen ziehen und wahllos auf die Menschen in den Cafés schießen. „Ich habe einen Typen mit einer Kalaschnikow gesehen, der aus einem Auto stieg und der einfach auf die Menschen geschossen hat, am McDonald’s“, sagt ein Anrufer nüchtern.

Nicht alle Opfer verfolgen den Prozess

Erst wenn dieser Teil der Verhandlung abgeschlossen ist, werden die Befragungen der Angeklagten beginnen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es 1765 Nebenkläger, zu Prozessauftakt sind alleine zwei Tage dafür reserviert, jeden namentlich aufzurufen. Erst am dritten Tag will das Gericht inhaltlich breiter auf die Vorwürfe eingehen, die sich auf 500 Aktenordner mit Ermittlungsergebnissen stützen. Hunderte Zeugen sind vorgeladen worden, darunter Ermittler aus Frankreich und Belgien und wohl sogar der damalige französische Präsident François Hollande. Zwölf der 20 Angeklagten droht lebenslange Haft, gegen sechs wird der Prozess in Abwesenheit geführt.

Nicht alle Opfer der Terrornacht werden den Prozess verfolgen. Grégory, ein junger Ingenieur, sagte dem Sender France Info, dass er keine alten Wunden aufreißen will und von den Aussagen der Angeklagten sowieso nichts erwarte. Er gehörte zu den Besuchern im Bataclan, die die Terroristen als Geiseln und menschliche Schutzschilde genommen hatten. Noch heute erinnert er sich an den Satz eines der Islamisten, der ihn zum Aufstehen aufforderte. „Warum nimmst du deine Sachen mit? Die brauchst du nicht mehr, du wirst sterben!“ Danach musste er auf dem Boden kauernd zusehen, wie die Terroristen auf die Menschen im Konzertsaal schossen. Auch sechs Jahre nach dem Attentat verfolgt den Mann die Angst, aber sie soll sein Leben nicht bestimmen. Er habe seinen Traumjob gefunden und nur noch ein Ziel: endlich nicht mehr das Opfer sein zu müssen.

Geruch von Pulverdampf und Blut

Viele erhoffen sich von dem Gerichtsverfahren neue Erkenntnisse über die mit der IS-Miliz in Syrien verbundene französisch-belgische Terrorzelle, aber eben auch über die Tat an sich. „Es ist wichtig, dass die Familien verstehen, was genau passiert ist“, sagt Christophe Molmy. Er leitete in jener Nacht den Einsatz der Sicherheitskräfte und kann den Geruch von Pulverdampf und Blut im Bataclan nicht vergessen. Auch er wird bei dem Prozess als Zeuge auftreten. Es sei nicht nur für die Angehörigen nötig, dass alles ans Tageslicht komme, sagt Christophe Molmy. Es sei wichtig für die gesamte Nation, die Erinnerung an die fürchterliche Bluttat zu verarbeiten.




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