Prozess gegen Krankenpfleger Högel Tod auf der Intensivstation

Niels Högel hat schon im letzten Prozess von Taten berichtet, die damals gar nicht angeklagt waren das Urteil lautete 2015: lebenslang Foto: dpa

100 Menschen soll der Krankenpfleger Niels Högel in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den 41-Jährigen. Hätten die Morde verhindert werden können?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Oldenburg - Am Wochenende wollte Christian Marbach dem mutmaßlichen Mörder seines Großvaters noch einmal einen Brief schreiben. Das tut der Banker aus dem kleinen Ort Ganderkesee bei Oldenburg immer mal wieder. Nicht etwa, um sich selbst zu quälen. Am Anfang, so sagt er, habe er sich gefragt: Was schreibt man dem Mörder des eigenen Großvaters? Aber dann hat er offenbar den richtigen Ton und Inhalt gefunden – und auch Antwortbriefe bekommen. Er hat den letzten Brief geschrieben vor Beginn eines Prozesses, der so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass er nicht im Gerichtsgebäude sondern in der Oldenburger Weser-Ems-Halle stattfinden wird. „Ich will die Wahrheit“, sagt Marbach. Dafür muss Niels Högel reden. „Er ist mein Zeuge. Niemand weiß besser als er, was geschehen ist“, sagt der 47-Jährige. Deshalb schreibt Marbach diese Briefe.

 

Diese Wahrheit könnte das Unterste zuoberst kehren. Von Dienstag an verhandelt das Landgericht Oldenburg zunächst einmal gegen den Ex-Krankenpfleger. Die Anklage lautete bisher auf 99-fachen Mord. Die Taten soll Högel bei seiner Arbeit auf den Intensivstationen der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst begangen haben. Vor wenigen Tagen hat er noch eine weitere Tat gestanden. Bereits in dem vorausgehenden Prozess Ende 2014/Anfang 2015 hatte er zusätzlich zu den damals angeklagten fünf Taten weitere 30 Morde sowie 60 Mordversuche zugegeben. Verurteilt wurde Högel aber zunächst nur wegen des angeklagten zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und schwerer Körperverletzung – zu lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld.

Die Ermittlungen begannen erst spät

Das Geständnis in diesem Prozess setzte allerdings endlich konsequente Ermittlungen in Gang. Denn auch das gehört zu diesem Fall unüberschaubaren und ungebremsten Mordens: Obwohl sich seit 2005 die Verdachtsmomente gegen Högel massiv verdichtet hatten, sah die Staatsanwaltschaft lange keinen Anlass, weiter zu ermitteln. Und zu dem, was jetzt über die Tatumstände zu Tage gefördert werden wird, kommt noch ein weiterer schwerer Vorwurf. Er richtet sich gegen Högels Vorgesetzte. Bereits vom Oldenburger Landgericht angeklagt sind fünf leitende Klinikmitarbeiter – wegen Totschlags durch Unterlassen. Der Opferangehörige Marbach hofft, dass die Klinikverantwortlichen verurteilt werden. Sie sollen die ominösen Vorgänge ignoriert haben.

Zugetragen haben sich die nun angeklagten Morde von 2000 bis 2005 in den Krankenhäusern von Oldenburg und Delmenhorst. Die Opfer im Alter zwischen 34 und 96 Jahren wurden alle auf der jeweiligen Intensivstation von Högel betreut. Immer wieder injizierte der Pfleger seinen Patienten, so die Staatsanwaltschaft, diverse Medikamente. Das Antiarrhythmikum Gilurytmal etwa, das zu Herzflimmern führt. Griff Högel nicht ein, führte das zum Tod. In anderen Fällen reanimierte der Mann, der auch als Rettungssanitäter unterwegs war, seine Opfer.

Der Pfleger galt als Reanimationschampion

Bei seinen Kollegen galt Högel als Reanimationschampion. Sie bastelten ihm Halsketten aus Venenkathetern. Es gab ein Wochenende im September 2001, an dem Högel Dienst hatte, da mussten auf der Intensivstation in Oldenburg 20 Patienten reanimiert werden, berichtet ein Kollege. Die einzige Konsequenz: Högel wird in die Anästhesie versetzt. Als die Klinik in Oldenburg die Reißleine zieht und den auffälligen Pfleger zur Kündigung drängt, schreibt man ihm zum Abschied am Jahresende 2002 ein hervorragendes Zeugnis. Er habe „umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“ gearbeitet und die ihm übertragenen Aufgaben „zur vollsten Zufriedenheit“ erfüllt, bescheinigt ihm die Pflegedirektorin.

Von 2003 bis 2005 arbeitet Högel darauf in Delmenhorst. Sofort häufen sich dort die Komplikationen, Reanimationen und ungeklärten Todesfälle. Den Großvater von Christian Marbach soll er im Jahr 2003 erst an die Grenze von Leben und Tod geschickt haben, um ihn wieder ins Leben zurückzuholen. Die zweite Spritze tötete den 78-Jährigen dann ein paar Tage später. Am 22. Juni 2005 wird Högel auf frischer Tat ertappt, als er die Spritzenpumpe eines Patienten manipuliert und diesem ohne medizinische Indikation Gilurytmal verabreicht. Trotzdem lässt man ihn danach noch einmal eine Spätschicht machen, bevor er ohnehin in den Urlaub geht. In diesem Dienst starb eine weitere Frau. Die ungeheure Dimension des Falls kommt viel später ans Licht. 2006 verurteilt das Landgericht Oldenburg Högel in einem ersten Prozess wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft und verhängt ein fünfjähriges Berufsverbot. Daraus wird in der Revisionsverhandlung eine lebenslange Strafe wegen Mordversuchs. Erst 2009 trat Högel die Strafe an, bis dahin hatte er seinen Beruf in einem Pflegeheim weiter ausgeübt.

Trauer um die Toten beginnt von Neuem

Die Zahl der Opferangehörigen ist enorm. Christian Marbach ist ihr Sprecher. Er bereitet sie zusammen mit der Nebenklageanwältin Gaby Lübben auf das Prozessgeschehen vor. Die meisten von ihnen haben noch nie mit Gerichten zu tun gehabt. Die Getöteten, um die es in der Anklage geht, sind seit mehr als zehn Jahren tot. Die Ermittlungen der Oldenburger Staatsanwaltschaft und der Soko Kardio haben alte Wunden aufgerissen und bei manchen der Hinterbliebenen die Trauer um die Väter, Mütter, Geschwister oder Ehepartner wieder ins Zentrum ihres Lebens gerückt.

2016 rückten die Bagger auf den Friedhöfen an und exhumierten die Toten. Ohne große Voranmeldung sei das geschehen, sagt Marbach. Auch seine Großmutter, die gegenüber vom Friedhof wohnte, wurde von diesen wichtigen, aber wohl nur unzureichend kommunizierten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft kalt erwischt. Das alles schwingt mit, wenn das Gericht über diese beispiellose Todesserie verhandelt, damit aber indirekt auch die Beweise für einen Klinikskandal und das systematische Wegschauen der Verantwortlichen zusammenträgt. Das Delmenhorster Krankenhaus arbeitet noch immer den Vertrauensverlust auf. Die Patienten, Pfleger und Ärzte kennen einander in der 75 000 Einwohnerstadt. Durch die gehe seither ein Riss, sagt Marbach.

Prozess der Superlative

Anklage
Die Staatsanwaltschaft Oldenburg klagt Niels Högel in drei Anklagen des 99-fachen Mordes an. Es ist wahrscheinlich, dass der nun bekannt gewordene 100. Fall in einer vierten Anklage vom Landgericht angenommen wird. Bei einer Befragung durch einen Psychiater hatte Högel sich am vergangenen Wochenende noch an eine weitere Tötung in Oldenburg erinnert.

Ausmaß
Der Oldenburger Prozess wird wohl nicht so lange wie der NSU-Prozess dauern. Er ist zunächst bis Mai 2019 terminiert. In der Zahl der Nebenkläger – es sind 126 – ist er jedoch rekordverdächtig. Sie werden durch 17 Anwälte vertreten. 23 Zeugen und elf Sachverständige sollen gehört werden. Zahn Opferbetreuer sind vor Ort. Um die große Anzahl an Prozessbeteiligten fassen zu können, hat wurde ein Saal der Weser-Ems-Veranstaltungshallen zum Gerichtssaal umgebaut. Die schwurgerichtskammer hatte einen Ergänzungsrichter und drei Ergänzungsschöffen bestellt.

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