Prozess gegen Schwarzwälder Mafiazelle Der enttäuschte Padrone drohte mit einem Blutbad

Ortstermin des Konstanzer Landgerichts: Die kleine Eckkneipe in der Hüfinger Hinterstadt ist Schauplatz eines Verbrechens gewesen. Foto:  

Das Konstanzer Landgericht versucht mit großem Aufwand, den Prozess gegen eine mutmaßliche Mafiazelle aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis voranzutreiben. Am Dienstag verhandelte es zu früher Morgenstunde am Tatort einer Schießerei in Hüfingen.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Hüfingen - Es ist 5.22 Uhr im Mai 2017. Die Vögel zwitschern den Morgen herbei. Vor dem Torstüble in der idyllisch gepflasterten Hinterstadt von Hüfingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) hält ein dunkler Mercedes. Niccolo M., bekannt als Wirt einer gut gehenden Donaueschinger Pizzeria, lässt sich einen Revolver der brasilianischen Marke Taurus Armas reichen. „Jetzt zeige ich euch, wie man mit einer richtigen Waffe schießt“, sagt er auf Italienisch zu seinen Männern. Dann hält er die Pistole aus dem Auto. Eine Kugel durchschlägt aus kurzer Distanz die Scheibe des linken Kneipenfensters.

 

Auf den Tag genau zwei Jahre später parken Polizeiautos und Gefangenentransporter in den engen Gassen rund um die Eckkneipe. Es ist wieder Mai, es ist wieder 5.22 Uhr und die Vögel zwitschern. Auch ein dunkler Mercedes steht vor der Gaststätte. Was im Tatfahrzeug geredet wurde, hat die Staatsanwaltschaft auf Band. Der Mercedes wurde damals bereits von der Rottweiler Kripo überwacht. Jetzt will sich die Schwurgerichtskammer des Konstanzer Landgerichts bei dem Ortstermin einen Eindruck vom Tatort und von den Lichtverhältnissen zu jener frühen Stunde verschaffen. Statt Roben tragen die Richter Regenjacken, und sie stellen sich vor allem eine Frage: Konnte der Schütze erkennen, ob in der Gaststätte noch Menschen waren? Dann war es versuchter Mord.

Einschüchterung oder Mordanschlag?

Als solchen wertet die Konstanzer Staatsanwaltschaft die Tat. Der 35-jährige Wirt und ein später Gast saßen damals noch an der Bar und schauten Youtube-Videos auf dem Handy. „Ich habe zuerst gedacht, da ist eine Glühbirne geplatzt“, erinnert sich der Wirt heute. Sein Kunde war stark angetrunken, besaß aber mehr Geistesgegenwart. Er packte den Wirt und zog ihn hinter den Tresen. Da fiel schon der nächste Schuss. Die Kugeln bohrten sich durch die heruntergelassene Jalousie. Die Polizei fand die Kugeln später in der Wand, am Boden, in der Decke.

Die Schüsse von Hüfingen sind der schwerste, aber keineswegs der zentrale Tatvorwurf in einem Prozess, der das Konstanzer Landgericht an seine Grenzen geführt hat. Gefährliche Körperverletzung, Brandstiftung, Verabredung zum schweren Raub, vor allem aber Drogenhandel im großen Stil legt die Staatsanwaltschaft den anfangs elf Angeklagten zur Last. Hinzu kommt ein Mafiaverdacht. Die italienischen Ermittler, mit denen die Rottweiler Kripo kooperierte, sehen Verbindungen zur Cosa Nostra und zur kalabrischen ’Ndrangheta. Kurz darauf kam die Hüfinger Tatwaffe bei einem Juwelenraub in Italien zum Einsatz.

Umzug in die Kantine

Seit September wird in Konstanz verhandelt. Um den Prozess mit allein 17 Verteidigern bewerkstelligen zu können, zog die Schwurgerichtskammer in die Kantine auf einem brach liegenden Industrieareal um. 40 000 Euro soll die Monatsmiete dort betragen. Immerhin könnte diese Interimslösung bald der Vergangenheit angehören, nachdem sich die Anzahl der Prozessbeteiligten verkleinert hat. Fünf Angeklagte wurden inzwischen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Der Prozess gegen die anderen sechs, darunter die beiden mutmaßlichen Köpfe des Schwarzwälder Drogenhändlerrings, zieht sich hin. Nach wie vor versuchten Teile der Verteidigung auf Zeit zu spielen, klagt die Staatsanwaltschaft. Vom Auto aus sei durch die Jalousie klar zu erkennen gewesen, dass in der Kneipe Licht brannte, sagte der Oberstaatsanwalt Joachim Speiermann nach dem Ortstermin. „Ich habe mich selbst ins Auto gesetzt.“ Die Verteidigung sah es teilweise anders. Der Ortstermin sei wertlos. Schließlich habe es in der Tatnacht nicht geregnet.

„Ihr werdet in Blut baden“

Unerschrocken hatte der junge Wirt zuvor Auskunft über sein Verhältnis zum Schützen gegeben. Der habe ihm die Gaststätte vermittelt und auch einen Teil der Pacht gezahlt. Dafür hatte Nicolo M. Geldspielautomaten aufgestellt. Doch wenn er mit seinen Männern zum Kassieren kam, habe es regelmäßig Ärger gegeben. Großspurig habe er dagesessen, andere Musik gefordert und die Gäste belästigt. Schließlich entfernte der Wirt die Automaten. Das brachte den endgültigen Bruch. „Ihr werdet nicht mehr ruhig schlafen können, bis ihr in Blut badet“, habe Niccolo M. gedroht. Vor Gericht äußerte er sich dazu nicht. Das Landgericht hat bis Ende des Jahres Verhandlungstermine festgesetzt.

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