Prozess gegen Stuttgart-21-Gegnerin Höhere Beweggründe

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Nina Picasso protestiert beharrlich gegen den Tiefbahnhof und wird dafür regelmäßig bestraft. Am Mittwoch stand sie erneut vor Gericht.

Nina Picasso bei ihrer Ankettungsaktion am Südflügel Foto: Wolfgang Rüter
Nina Picasso bei ihrer Ankettungsaktion am Südflügel Foto: Wolfgang Rüter

Stuttgart - Daheim will Nina Picasso mit den Hasen, den Meerschweinchen, den Wellensittichen und dem behinderten Kater ungestört sein. Früher, als sie noch in Esslingen wohnte, half sie ehrenamtlich im örtlichen Tierheim und adoptierte jene bedauernswerten Kreaturen, die außer ihr keiner haben wollte. Vor drei Jahren wechselte sie den Job und zog nach Stuttgart. Damals suchte Nina Picasso eine neue Beschäftigung, die ihre freie Zeit sinnvoll füllt. Statt für herrenlose Haustiere engagiert sie sich seither gegen einen unterirdischen Hauptbahnhof.

Als Treffpunkt schlägt sie den Zoo vor. Es gibt in der Landeshauptstadt lauschigere Lokale als das Schnellrestaurant in der Wilhelma, aber Nina Picasso gefällt das unprätentiöse Ambiente. Den 50. Geburtstag hat sie gerade hinter sich, wenn sie verlegen lächelt, wirkt sie deutlich jünger. Sie trägt einen schwarzen Pulli mit aufgedruckten Schleiereulen und eine farbige Metallbrille. Ihr Apfelkuchenstück verspeist sie in Faultiertempo, jedes Wort wählt sie mit Bedacht. Einmal sagt sie „Sauerei“ – es geht um die Informationspolitik der Bahn AG – und entschuldigt sich sofort für die Formulierung. Nina Picasso wirkt nicht wie eine Wiederholungsstraftäterin.

Warum kämpft ein besonnener Mensch am Rande der Legalität gegen einen Bahnhof? Nina Picasso holt weit aus: Von klein auf ist sie eine passionierte Zugfahrerin, so entstand automatisch ein Interesse an Stuttgart 21. Sie schaute sich die Computeranimationen des Großprojekts an. Ihr, der Expertin für Bildbearbeitung, fiel auf, dass die virtuellen Passanten, die in feinen Businessanzügen auf den unterirdischen Bahnsteigen stehen, ganz anders aussehen als die einfachen Pendler, mit denen sie morgens real im Waggon sitzt. Das schien ein Indiz dafür zu sein, das der neue Hauptbahnhof an den Bedürfnissen von Lieschen Müller vorbeigeplant wird.

Ein symbolischer Akt

Die Beweisaufnahme begann. Nina Picasso besuchte Veranstaltungen vom Bund für Umwelt- und Naturschutz, hörte sich an, was bahnkritische Geologen, Ingenieure, Juristen berichteten, saugte alle Argumente auf, die gegen Stuttgart 21 angeführt werden: unterdimensioniert, störungsanfällig, sündhaft teuer, Probleme im Brandfall, Gefährdung von Wohnhäusern, Mineralwasserquellen und Juchtenkäferpopulationen. Sie ließ sich von einem Kunsthistoriker durch den Bonatzbau führen, lernte den denkmalgeschützten Hauptbahnhof kennen und schätzen. Und schließlich erlebte sie, wie am 30. September 2010 Gleichgesinnte mit Wasserwerfern traktiert wurden.

Längst gehört Nina Picasso zum harten Kern des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Sie will „die Zerstörung von Unwiederbringlichem verhindern“. Zu diesem Zweck schreibt sie an Politiker jeglicher Couleur, prangert auf selbst gestalteten Plakaten die Verschwendung, die Lügen und die Arroganz der Mächtigen an, nimmt an Mahnwachen teil und besucht jede Montagsdemonstration, obwohl sie sich in Menschenmassen eigentlich unwohl fühlt. Sie ist opferbereit.

Am 15. Februar 2012 kettet sich Nina Picasso mit einer Freundin im Mittleren Schlossgarten an einen Baum. Es ist ein symbolischer Akt, die beiden Frauen wissen, dass sie die angekündigten Fällungen nicht verhindern können, aber sie wollen zumindest ein Zeichen setzen. Für die Aktion hat sich Nina Picasso Urlaub genommen. Es ist ein kalter Tag, vier Stunden sitzt sie auf einer Wurzel im Regen. Trinken ist tabu, denn sonst müsste sie womöglich pinkeln. Ein Fernsehreporter fragt sie irgendwas, sie antwortet wie in Trance.

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