Vor dem Landgericht Heilbronn hat der Prozess gegen eine angehende Notfallsanitäterin aus Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) begonnen. Ihr wird versuchter Mord an Kollegen vorgeworfen.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Was hat eine zur Tatzeit 23-jährige Auszubildende zur Notfallsanitäterin offenbar dazu bewogen, Kollegen in der DRK-Rettungswache in Vaihingen an der Enz gefährliche Medikamente in ihre Getränke zu mischen? Das herauszufinden wird Aufgabe eines Prozesses sein, der vor dem Landgericht Heilbronn begonnen hat und an elf Verhandlungstagen bis voraussichtlich Ende Oktober versuchen soll, das Motiv für die mutmaßlichen Taten zu klären, die deutschlandweit für Aufsehen gesorgt haben. Der Staatsanwalt wirft der heute knapp 25-Jährigen vor, sie habe bewusst den Tod von Kollegen herbeiführen wollen oder dies zumindest billigend in Kauf genommen – aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen, was einem Mordversuch gleichkommt. Die Kollegen seien ahnungslos gewesen, ihr Überleben habe von einem Zufall abgehangen, und die Angeklagte habe auch keinerlei Rettungsversuche unternommen.

 

Der jungen Frau, die – in Handschellen, das Gesicht hinter einem Aktenordner verborgen – in den Gerichtssaal geführt wird, würde man auf den ersten Blick so etwas niemals zutrauen. Sie ist sehr klein und spricht bei den wenigen Sätzen, die sie ohne erkennbare Regung von sich gibt, mit leiser, mädchenhafter Stimme. Auch ihre bisherige Laufbahn scheint nicht ungewöhnlich, sieht man einmal davon ab, dass sie in Bulgarien geboren wurde, aber bereits als einjähriges Kind von einem deutschen Paar adoptiert worden ist und ihre leiblichen Eltern nie kennengelernt hat.

Zunächst Notfallmedikamente gestohlen

Sie besuchte den Kindergarten – wobei der Strafverteidiger andeutete, dazu zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr sagen zu wollen – und beendete die Schulzeit mit dem Abitur, an das sie ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) anschloss.

Am 1. Oktober 2021 begann sie ihre Ausbildung zur Notfallsanitäterin beim DRK Ludwigsburg, seit 17. März 2023 war sie auf der Rettungswache in Vaihingen/Enz. Dort habe sie, so der Staatsanwalt, mindestens seit dem 19. April verschiedene Notfallmedikamente gestohlen, unter anderem Atropinsulfat, das bei zu langsamem Herzschlag eingesetzt wird.

Kritik an mangelndem Ausbildungsstand als Auslöser?

Die junge Frau sei von Kollegen immer wieder für ihren mangelnden Ausbildungsstand kritisiert worden, führte der Staatsanwalt weiter aus. Schließlich sei ihr wegen eines nicht näher benannten Vorfalls mitgeteilt worden, sie müsse sich mehr zusammenreißen. Das habe in der Angeklagten eine tief empfundene Wut ausgelöst, die wohl dazu führte, dass sie am 4. Oktober 2023 einem ihrer Kollegen Atropin in seine Trinkflasche gab, „in einer Dosis, von der sie wusste, dass sie lebensgefährlich sein konnte“, so der Staatsanwalt. Der Geschädigte habe darauf mit Desorientiertheit und verwaschener Sprache reagiert, habe einen Notfalleinsatz abbrechen müssen und vier Tage im Krankenhaus verbracht, außerdem sei er bis April 2024 krankgeschrieben gewesen. Durch den kurzfristigen Ausfall des Kollegen während des Einsatzes habe die Angeklagte auch bewusst in Kauf genommen, dass noch weitere Menschen in Gefahr gerieten.

Richter und Schöffen im Verhandlungssaal Foto: Sabine Armbruster

Die nächste mutmaßliche Tat dann am 1. März 2024. Was da im Wasserglas eines weiteren Kollegen landete, ist unklar. Weil das Wasser aber stark nach Reinigungsmitteln schmeckte, habe er aufgehört zu trinken. Dennoch reagierte er mit Übelkeit, starken Bauchkrämpfen und Erbrechen. Seine Lebensgefährtin und seine Mutter, die als Zeugen aussagten, erklärten, im Krankenhaus habe man die Symptome auf eine Vergiftung zurückgeführt. Da sie selbst Gift im Essen oder in der Umwelt ebenso ausschließen konnten wie Drogen, brachten sie den Vorfall zur Anzeige. Sie sagten auch aus, die Auszubildende sei wohl irgendwie „komisch“ gewesen und habe auf Kritik ungewöhnlich heftig reagiert.

Bei einem Kollegen bestand akute Lebensgefahr

Am 15. März wurde ein weiterer Kollege Opfer eines mutmaßlichen Anschlags. Auch er spürte die Folgen der Atropin-Vergiftung, fuhr jedoch zunächst nach Hause und meldete sich danach krank. Bis heute erinnere er sich kaum an diese Tage.

Am 13. April traf es erneut den ersten Kollegen – kaum, dass er wieder im Einsatz auf der Rettungswache in Vaihingen war. Am 16. April einen weiteren, der außer mit Herzrasen auch mit Halluzinationen reagierte und ebenfalls einen Einsatz abbrechen musste. Die Kollegen brachten ihn ins Krankenhaus nach Mühlacker, wo er intensivmedizinisch behandelt werden musste, weil akute Lebensgefahr bestand.

Der Fall wird vor dem Landgericht Heilbronn behandelt. Foto: Sabine Armbruster

Weil sich auch aufgrund der Medikamentendiebstähle und der polizeilichen Untersuchungen der Verdacht gegen die Auszubildende erhärtete, wurde ihr Ausbildungsvertrag im September vergangenen Jahres fristlos gekündigt. Nachdem ein Gericht die Kündigung bestätigt hatte, begann sie eine Ausbildung an einer Berufsschule zur pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA), die wegen der Untersuchungshaft seit Januar dieses Jahres unterbrochen ist.

Wie der Vorsitzende Richter nach einer kurzen Verhandlungspause sagte, habe der Strafverteidiger mittlerweile unter Ausschluss der Öffentlichkeit mitgeteilt, er habe Schwierigkeiten, an seine Mandantin heranzukommen; ihr gehe es schlecht in der Haft. Er erwarte jedoch, dass sie während des Prozesses noch Stellung beziehen werde – entweder direkt oder über ihn. Einer Gutachterin habe sie bereits Einsicht in ihre medizinischen Unterlagen gewährt. Der Staatsanwalt sagte, man wolle – abhängig von der Stellungnahme der Angeklagten – eventuell noch eine medizinische Untersuchung beantragen.