Prozess in Liberia Schlächter vor Gericht

Von Johannes Dieterich 

Charles Taylor, ehemaliger Präsident von Liberia, steht wegen Kriegsverbrechen vor Gericht. Am Donnerstag fällt das Urteil.

Ex-Präsident Charles Taylor erwartet am Donnerstag sein Urteil Foto: dpa
Ex-Präsident Charles Taylor erwartet am Donnerstag sein Urteil Foto: dpa

Den Haag - Sie schlossen Wetten über das Geschlecht eines noch Ungeborenen ab und schnitten den Bauch schwangerer Frauen auf, um den Wettsieger zu bestimmen. Sie hielten sich Sexsklavinnen und rekrutierten neunjährige Kinder zu Soldaten. Die Rebellen der sierra-leonischen Revolutionären Einheitsfront (RUF) galten als die brutalsten Schurken in der jüngeren Geschichte Afrikas. Das Tribunal zur Aufklärung der Gräueltaten während des Bürgerkriegs in dem westafrikanischen Kleinstaat zwischen 1991 und 2002 wird im holländischen Den Haag darüber befinden, ob der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor für die Scheußlichkeiten zumindest mitverantwortlich war. Es ist das erste Mal in der Weltgeschichte, dass vor einem internationalem Gericht über einen ehemaligen Staatschef ein Urteil gesprochen wird.

Einhundert Zeugen gehört

Während des über vierjährigen Verfahrens hörte das Gericht fast einhundert Zeugen der Anklage an. Sie berichteten über Morde, Verstümmelungen, Vergewaltigungen sowie die Rekrutierung von Kindersoldaten durch die RUF-Rebellen und deren liberianische Verbündete. Ein Zeuge sagte aus, beim Treffen in einer Geheimloge mit Taylor persönlich Menschenfleisch gegessen zu haben. Der heute 64-Jährige stritt allerdings jede Beteiligung an Gräueltaten ab. „Das ist doch krank“, sagte der „wiedergeborene Christ“ während des teilweise dramatischen Verfahrens.

Er habe die RUF-Rebellen nur zu Beginn ihrer Revolte Anfang der 90er Jahre kurzfristig unterstützt, behauptete Taylor, der selbst 2003 von Rebellen aus dem Amt gejagt wurde. Schon nach wenigen Monaten hätten sich seine Kämpfer und die RUF in Sierra Leone zerstritten. Er habe die Rebellen im Nachbarland auch nicht – wie immer wieder behauptet – mit Waffen versorgt. Auch habe er für seine Unterstützung der RUF-Rebellen niemals sierra-leonische Blutdiamanten bekommen.

In einem der Höhepunkte des Prozesses sagte die US-Schauspielerin Mia Farrow dagegen aus, nach einem Dinner beim südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela im Jahr 1997 in Pretoria habe Charles Taylor dem Supermodel Naomi Campbell ein Beutelchen voller Rohdiamanten überreicht. Campbell bestätigte den Erhalt „einiger dreckiger kleiner Steinchen“, war aber vorsichtig, Taylor vor dem Tribunal nicht direkt zu belasten.

Schwierige Beweislage

Die vier Richter der Zweiten Kammer des Gerichtes haben vor allem zu entscheiden, ob Taylor die Gräueltaten während des sierra-leonischen Bürgerkriegs tatsächlich selbst in Auftrag gab. Kein leichtes Unterfangen, angesichts der Tatsache, dass der Ex-Kriegsfürst und -Präsident an den Wirren in seinem Nachbarland höchstens indirekt beteiligt war. Zwar werden Taylor auch im Zusammenhang mit dem sich ungefähr zur selben Zeit abspielenden Bürgerkrieg in Liberia schwerste Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen, doch im Gegensatz zu Sierra Leone entschied sich Liberia statt für eine strafrechtliche Aufarbeitung seiner jüngsten Geschichte nur für eine Wahrheitskommission, die über Taylor lediglich ein zwanzigjähriges Politikverbot verhängte. Dagegen hat das sierra-leonische Tribunal, dem sowohl einheimische wie ausländische Juristen angehören, insgesamt 13 Personen angeklagt, von denen neun bereits schuldig gesprochen und zu meist hohen Haftstrafen verurteilt wurden.

Taylor, der im Jahr 2006 von seinem Exilland Nigeria nach Sierra Leone ausgeliefert wurde, ist der letzte vor dem Tribunal Angeklagte. Nach dem Urteilsspruch wird die aus Sicherheitsgründen von der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown nach Den Haag verlegte Institution abgewickelt. In Sierra Leone selbst wird die Urteilsverkündung auf Leinwänden in der Hauptstadt Freetown übertragen werden. Hier scheint es an Taylors Schuld kaum Zweifel zu geben. „Die meisten glauben, dass es ohne Charles Taylor in Sierra Leone keinen Krieg gegeben hätte“, sagte Informationsminister Ibrahim Ben Kargbo: „Seit er hinter Gittern sitzt, genießen wir endlich den Frieden, ohne uns ständig über die Schulter schauen zu müssen.“




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