Prozess in Rottweil „Hat die Mama mich jetzt umgebracht?“
Eine Frau geht mit ihren beiden Kindern in den Wald, zückt ein Messer und versucht sie zu töten. Jetzt steht sie in Rottweil vor Gericht. Was hat sie zu dieser Tat gebracht?
Eine Frau geht mit ihren beiden Kindern in den Wald, zückt ein Messer und versucht sie zu töten. Jetzt steht sie in Rottweil vor Gericht. Was hat sie zu dieser Tat gebracht?
Rottweil/Balgheim - Im Wald bei Balgheim (Kreis Tuttlingen) liegt ein blutverschmiertes Plüschtier. Der Polizist läuft die alte Rüttegasse entlang, da kommt ihm die Frau mit dem Jungen schon entgegen. „Legen Sie das Kind auf den Boden. Ich will Ihre Hände sehen“, ruft er. Die Frau tut es. Widerstandslos lässt sie sich die Handschellen anlegen. Als der Beamte mit dem Dreijährigen auf dem Arm nach unten läuft, sickert Blut durch sein Diensthemd. Es läuft Arm und Brust hinunter. Der Junge wimmert nicht und weint nicht. Seine Augen sind weit aufgerissen. Ja, er habe Schmerzen am Hals, bestätigt er sachlich und fragt dann: „Hat mich die Mama jetzt umgebracht?“
Mit niedergeschlagenen Augen sitzt eine 36-jährige Frau im großen Saal des Rottweiler Landgerichts und horcht auf die in Amtsdeutsch vorgetragenen Schilderungen des Polizisten. Sie trägt eine schwarze Hose und einen weiten schwarzen Pullover. Ihr Gesicht steckt hinter einer Einwegmaske, die sie, obwohl das erlaubt wäre, den gesamten Prozesstag nicht abzieht. Sie sei das gewesen, und sie wolle nicht mehr leben, habe sie noch im Wald erklärt, erinnert sich der Polizist.
„Erweiterter Suizid“ heißt so etwas im Polizeijargon. Sich selbst hat die Frau nur leichte Verletzungen zugefügt. Ihrem Kind aber durchtrennte sie mit mehreren Stichen eines 20 Zentimeter langen Küchenmessers die Drosselvene. Die Halsschlagader habe frei gelegen, heißt es in der Anklageschrift. Eine zweieinhalbstündige Notoperation im Schwarzwald-Baar-Klinikum rettete dem Jungen das Leben.
Wie kann es dazu kommen, dass eine Mutter ihrem Kind so etwas antut? Dass die Frau zum Tatzeitpunkt unter schweren Depressionen litt, steht außer Frage. Unklar ist, wieso ausgerechnet an jenem Himmelfahrtstag dieses Jahres die Lage derart eskalierte. Zu den Umständen der Tat wolle und könne sie sich nicht äußern, erklärt ihr Anwalt. Sollte sich dies nicht noch ändern, wird dem psychiatrischen Gutachter bei der Frage nach der Schuldfähigkeit die entscheidende Bedeutung zukommen.
Ihr Innerstes kehrt die Frau an diesem Morgen nicht nach außen, auch nicht, als sie dem Gericht ihren Lebenslauf schildert. Bei Cottbus ist sie auf die Welt gekommen, später hat sie in Prenzlau gelebt, dann in Sachsen, in Bayern, in Baden-Württemberg. Die Beziehung ihrer Mutter zu ihrem Vater sei früh in die Brüche gegangen. Dennoch erlebte sie nach eigenem Bekunden keine unglückliche Kindheit. Sie wächst in einer Großfamilie mit sieben weiteren Geschwistern und einem Stiefvater auf, mit dem sie ein gutes Verhältnis hat. Nur zu den Hausaufgaben sei sie nicht so gekommen. „Da hat man wohl bei den vielen Geschwistern keine Zeit gehabt“, sagt sie.
Innerhalb der Familie gibt es offenbar eine depressive Veranlagung. Beide Großväter sowie Onkel und Tanten hätten Suizid begangen, heißt es. Bei der Angeklagten selbst ist es genau ein Jahr her, dass sie plötzlich eine Veränderung bemerkt haben will. Längst ist sie selbst Mutter. Von zwei verschiedenen Männern hat sie eine zwölfjährige Tochter und den dreijährigen Sohn. Doch es gelingt ihr immer weniger, sich um den Haushalt zu kümmern. „Man hat das gar nicht so einordnen können“, sagt sie. Wie immer bleibt sie bei der Schilderung ihrer Gefühle in der dritten Person und im Ungefähren. Nur bei der Datierung bestimmter Ereignisse ist sie erstaunlich exakt. „Mit den Daten haben Sie es“, sagt der Richter.
Der Hausarzt weist die Frau in eine Tagesklinik ein. Doch dann kommt Corona, und die Frau sitzt mit ihren Kindern und einer Grippe zu Hause. Auch in der Beziehung gibt es Probleme. Sie trennt sich vom Vater des Buben und zieht von Prenzlau nach Balgheim in die Nähe von Mutter und Geschwistern.
Warum der Neustart im Schoße der Großfamilie misslingt, ist unklar. Am Himmelfahrtstag ist der strengste Lockdown überstanden. Viele nutzen das Wetter für einen Ausflug. Auch ein Ehepaar aus Spaichingen schwingt sich aufs Fahrrad, um in Tuttlingen ein Eis zu essen. Am Bahndamm bei Balgheim kommt ihnen ein Mädchen mit völlig verweinten Augen entgegen. „Hallo, was ist mit dir los?“, fragt der Mann, da erzählt die Zwölfjährige alles. „Meine Mutter ist mit uns in den Wald gegangen. Jetzt will sie uns alle umbringen.“ Ihr kleiner Bruder sei noch dort, nur sie habe sich losreißen können.
Die Rottweiler Schwurgerichtskammer hat 16 Zeugen geladen und bis Anfang Dezember fünf weitere Verhandlungstage angesetzt. Die Kinder leben mittlerweile bei ihren jeweiligen Vätern. Wie sehe sie ihre Zukunft mit den Kindern, fragt der Richter. „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht“, sagt die Angeklagte.