Prozess in Stuttgart War Überfall auf Radfahrer ein versuchter Mord?

Vier Messerstiche sollen das Opfer schwer verletzt haben. Foto: dpa/Christoph Reichwein

Vor dem Stuttgarter Landgericht muss sich ein 23-Jähriger verantworten. Er soll mit Komplizen einen Radfahrer mit einem Messer schwer verletzt haben. Ermittler und Gericht stoßen auf eine Mauer des Schweigens.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Es ist der Abend des 19. September vergangenen Jahres. Ein junger Mann ist auf der Parkstraße im Stuttgarter Osten mit seinem E-Bike unterwegs, offenbar auf dem Heimweg nach der Arbeit. Gegen 20.25 Uhr, so sieht es zumindest die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, passt ein heute 23 Jahre alter Stuttgarter ihn aber gemeinsam mit fünf weiteren Männern ab und zwingt ihn zum Anhalten.

 

Was die Anklageschrift, die jetzt zum Prozessauftakt am Landgericht verlesen worden ist, weiter ausführt, klingt nach nichts weniger als einer Gewaltorgie: Die Täter sprühen dem Opfer Pfefferspray ins Gesicht, traktieren es mit Schlägen und Tritten. Als der Mann am Boden liegt soll der 23-Jährige ein Messer hervorgezogen und viermal auf den Radfahrer eingestochen haben. Das Opfer wird am Oberkörper und am Arm getroffen. Der Radfahrer wird schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt.

Das allerdings, so die Ermittler, sei pures Glück gewesen. „Der Angeklagte hat versucht, heimtückisch einen Menschen zu töten“, so die Staatsanwaltschaft. Die Täter lassen erst von ihrem Opfer ab, als zufällig ein Ehepaar auf den Übergriff aufmerksam wird und ihnen zuruft, sie sollen aufhören. Die Gruppe flieht daraufhin zu Fuß und steigt in zwei bereitstehende Autos, in denen mit dem jeweiligen Fahrer zwei weitere mutmaßlich Tatbeteiligte warten. Wegen der Schwere des Angriffs, aber auch, weil es sich um eine vorher geplante Tat gehandelt haben soll, ist der 23-Jährige jetzt wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Er sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft. Vor Gericht will er keine Angaben machen, weder zu seiner Person noch zur Tat, die ihm vorgeworfen wird. Handelte es sich um eine Racheaktion? Davon gehen zumindest die Ermittler aus. Doch wofür?

Der Angeklagte schweigt

Bei all diesen Fragen sind Polizei und Staatsanwaltschaft bisher offenbar auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Nicht nur der Angeklagte schweigt, auch weitere Beteiligte. Selbst das Opfer, klingt vor Gericht zumindest an, scheint nicht über die Maßen auskunftsfreudig zu sein. Es soll in einer der nächsten Sitzungen gehört werden, ebenso wie Zeugen und ein Gutachter. Der Prozess ist zunächst bis Mitte September terminiert.

Auch die Polizei hatte in der Vergangenheit nicht viel zu der undurchsichtigen Geschichte mitgeteilt. Erst Ende Oktober vergangenen Jahres hatte sie sich überhaupt öffentlich dazu geäußert. Damals war die Rede von „umfangreichen Ermittlungen der Kriminalpolizei“, die auf die Spur der Tatverdächtigen geführt hätten. Damals waren insgesamt fünf Wohnungen im Stuttgarter Osten und in Bad Cannstatt durchsucht worden. Fünf Männer waren vorläufig festgenommen worden. Dazu beschlagnahmten die Ermittler umfangreiches Beweismaterial. Jetzt liegt es an der Strafkammer des Landgerichts, Licht ins Dunkel zu bringen.

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