Ulm/Göppingen: Prozess um Mord am Anglersee Ein Toter und die Frage nach der Blutrache

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Ein aufwendiger Indizienprozess am Landgericht Ulm soll den Tod eines 19-Jährigen am Ufer eines Anglersees bei Erbach aufklären. Nur einer der mutmaßlichen Täter sitzt auf der Anklagebank. Er bestreit jede Verbrechensbeteiligung.

Nach einer Bluttat sucht  die Polizei im Mai 2017 an einem  See bei Erbach  nach Spuren. Foto: Polizei Ulm/dpa
Nach einer Bluttat sucht die Polizei im Mai 2017 an einem See bei Erbach nach Spuren. Foto: Polizei Ulm/dpa

Ulm/Göppingen - Ein junger Mann, gerade volljährig, wird an einen einsamen Ort gelockt und ermordet, nur weil er einem von zwei verfeindeten albanischstämmigen Familien angehört. Das Verbrechen folgt den Regeln des uralten albanischen Gewohnheitsrechts Kanun, das unter anderem bestimmt, dass Blut mit Blut vergolten werden muss. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Ulm liegt hier das Motiv für den Tod eines 19-Jährigen aus Steinfurt (Nordrhein-Westfalen), dessen Leiche am 22. Mai des vergangenen Jahres an die Oberfläche des Rösslesees bei Erbach (Alb-Donau-Kreis) trieb. Neun wuchtige Hammerschläge auf den Hinterkopf führten zum Tod. Beschwert mit einem Betonblock und eingewickelt in Folie wurde die Leiche wohl schon am 20. April 2017 im Gewässer versenkt.

Zwei Männer albanischer Herkunft haben nach Überzeugung der Anklage die Tat ausgeführt. Einer ist flüchtig und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der andere, 46 Jahre alt und zuletzt Betreiber einer Waschstraße in Göppingen, sitzt seit Montag auf der Anklagebank des Ulmer Landgerichts. Zum Auftakt lässt er von einem seiner Verteidiger lediglich eine Erklärung verlesen. Er habe sich „zu keinem Zeitpunkt bereit erklärt, an einer Blutrache teilzunehmen“, heißt es darin. Er sei unschuldig. Die Staatsanwaltschaft will innerhalb von 32 Sitzungstagen, die das Gericht bis Januar 2019 anberaumt hat, das Gegenteil beweisen.

Die Ermittlungsergebnisse füllen mehr als 50 Aktenordner. Aus ihnen, so schlussfolgert die Anklage, geht hervor, dass der 19-Jährige nur aufgrund einer blutigen Logik von Schlag und Gegenschlag sterben musste. Am 19. November 2000, führt der Leitende Oberstaatsanwalt Christof Lehr in seiner Anklage aus, sei in Albanien der erste Mann mit Pistolenschüssen getötet worden. Aus dem Kreis der vermeintlichen Täterfamilie verschwand noch im selben Jahr ein weiterer Mann spurlos. Noch wegen weiterer zwei Folgemorde ermittelten albanische Behörden. Der 19-Jährige könnte demnach der fünfte Tote in dieser Familienfehde sein. Seine Angreifer, so die Staatsanwaltschaft, hätten dessen Volljährigkeit abgewartet, ihn in Steinfurt ausfindig gemacht, sich dort in dessen Vertrauen geschlichen und ihn im April 2017 unter dem Vorwand, er werde als Helfer in einem lukrativen Drogengeschäft benötigt, an den Anglersee bei Erbach gelockt.

Der Prozess ist bis Januar terminiert

Der 46-jährige Angeklagte gibt am Montag zu, die Folie, in die der Tote gewickelt war, Handschuhe, einen Draht und Klebeband auf Anweisung in einem Göppinger Baumarkt gekauft zu haben. Auch habe er den 19-Jährigen vor dessen Tod zusammen mit dem flüchtigen eigentlichen Täter am Göppinger Bahnhof abgeholt und auch sein Auto zur Weiterfahrt zur Verfügung gestellt. Mehr aber wisse er nicht. Nur, dass der flüchtige eigentliche Mörder „ein sehr gefährlicher Mann“ sei, dessen Anweisungen er „aus Angst um mich und meine Familie“ Folge geleistet habe.

Ging es am Ende um einen Streit im Drogenmilieu?

Die Verteidigung glaubt vorerst nicht an einen Mord nach albanischem Ritus. Der getötete 19-Jährige könnte auch in Drogengeschäfte verwickelt gewesen sein, sei jedenfalls als Dauerreisender in die Niederlande aufgefallen, sagt der Rechtsanwalt Rudi Mannl. Der Kanun bestimme zum Beispiel, dass Rachetaten von Angesicht zu Angesicht auszuführen seien. Schon das stimme in diesem Fall nicht.

Das Gericht hat knapp 30 Zeugen benannt. Mehrere Familienmitglieder des Angeklagten erklärten noch am Montag, von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen zu wollen.