Vor dem Landgericht Stuttgart muss sich ein fast 70-jähriger Mann wegen mehrerer Wohnungseinbrüche im Rems-Murr-Kreis verantworten. Er war fast so lange im Gefängnis wie in Freiheit.
Es ist ein ungewöhnlicher Angeklagter, den ein Justizbeamter in den Sitzungssaal des Stuttgarter Landgerichts führt. Er hat einen weißen Bart und weiße Haare unter seiner Baskenmütze, und er wird in diesem Jahr noch 70 Jahre alt. Er wirkt wie ein freundlicher Senior, der viel aus seinem Leben erzählen kann, und man hört ihm gern beim Reden zu. Doch tatsächlich hat ihm das Leben übel mitgespielt, und es klingt fast unglaublich, was aus einem älteren Urteil über ihn verlesen wird.
Mutter flüchtet nach Neapel
Geboren wurde er als achtes Kind seiner Mutter, nur zwei seiner Geschwister haben denselben Vater. Schon in jungen Jahren flüchtete die Mutter nach Neapel, um sich einer Gefängnisstrafe in Deutschland zu entziehen. In Süditalien setzte sie ihre acht Kinder aus, die von den italienischen Behörden wieder nach Deutschland zurückgeschickt wurden. Der Angeklagte wuchs in mehreren Heimen auf, schon früh wurde er in der Schule auffällig. Diese besuchte er bis zur achten Klasse, eine kaufmännische Lehre und eine weitere zum Schreiner brach er vorzeitig ab. Schon als Jugendlicher kam er in Konflikt mit der Justiz, bis heute haben Gerichte insgesamt 30 Jahre Gefängnis gegen ihn verhängt, die der 69-Jährige weitgehend abgesessen hat.
Während einer vierjährigen Haftzeit in Freiburg holte er den Schulabschluss nach und schloss eine Lehre zum Schuhmacher ab. In der Zeit zwischen seinen Gefängnisstrafen lebte der Angeklagte häufig auf einem Hof im Freiburger Raum, wo eine Bekannte ein Antiquitätengeschäft betrieb. Er arbeitete für sie Möbel auf und holte Antiquitäten bei Verkäufern ab. Vor seiner letzten Verhaftung im März dieses Jahres wohnte er in Chemnitz, „weil ich einen Ort gesucht habe, in dem man billig wohnen kann“, wie der 69-Jährige erklärte. In den diversen Gefängnissen ist er als „der Mauerläufer“ bekannt, da er regelmäßig joggte und in Freiheit an einigen Marathons teilnahm.
Oft gescheitert bei den Einbrüchen
Vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts steht er nunmehr wegen siebenfachen Einbruchs und Sachbeschädigung – wie schon oft in seinem Leben zuvor. Laut Staatsanwaltschaft hebelte er im Juni des vergangenen Jahres das Fenster eines Hauses in Backnang auf, im Juli in Sulzbach an der Murr und in Murrhardt. Im August soll er in eine Wohnung in Weissach im Tal eingedrungen sein und in zwei Wohnungen in Höchenschwand bei Waldshut-Tiengen nahe der Schweizer Grenze. Zuletzt sei ein Blumengeschäft in Stuttgart Ziel eines Einbruchsversuchs gewesen. Den Schaden an Türen und Fenstern bezifferte die Staatsanwaltschaft auf rund 3700 Euro. Erfolgreich waren laut Anklage nur drei Einbrüche, insgesamt soll der Angeklagte Bargeld und Schmuck im Gesamtwert von 4700 Euro erbeutet haben.
Eine zentrale Rolle in diesem Prozess wird das Gutachten eines Sachverständigen für Anthropologie spielen. Dieser hat Bilder aus den Überwachungskameras an den Gebäuden mit den typischen Merkmalen und Bewegungsabläufen des Angeklagten abgeglichen und ein Identitätsgutachten erstellt. Nach dessen Ausführungen zogen sich Richter, Staatsanwalt und Verteidigung zu einer Verständigung zurück, ein Ergebnis soll am 10. September bekannt gegeben werden. Das Urteil ist am 24. Oktober zu erwarten.