Prozess um Angriff in Neuhausen Gewaltexzess am Rande der Fasnet – ist Coronafrust schuld?

Vor dem Landgericht Stuttgart hat der Prozess gegen einen 18-Jährigen wegen versuchten Totschlags begonnen. Foto: dpa/Marijan Murat

Worum ging es bei dem Streit, in dessen Verlauf ein 37-Jähriger am Rande der Fasnet in Neuhausen im Februar zusammengeschlagen wurde? Vor dem Stuttgarter Landgericht ist jetzt ein 18-jähriger Wendlinger angeklagt. Er gibt an, durch Corona aus dem Tritt geraten zu sein.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Der groß gewachsene Angeklagte mit dem Kurzhaarschnitt schaut im Saal drei des Stuttgarter Landgerichts immer wieder erwartungsvoll in den Zuschauerraum. Er scheint einen Blick zu seinen Freunden unter den Prozessbesuchern erhaschen zu wollen. Mehrfach huscht ein Lächeln über seine Lippen, und er macht mit den Händen eine begrüßende Geste. Isoliert scheint er nicht zu sein. Auch die Frage der Richterin nach dem Bestehen eines festen Freundeskreises hat er lebhaft bejaht. Diese sozialen Kontakte und auch die Mitgliedschaft in einem Fußballverein haben den jungen Mann aber wohl nicht von Straftaten abgehalten. Wegen des Vorwurfs eines versuchten Totschlags Anfang Februar in Neuhausen ist der 18-Jährige angeklagt.

 

Den Grund für die Auseinandersetzung nennt die Staatsanwältin nicht. Worum es bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen ging, lässt sie im Dunkeln. In ihrer Anklageschrift gibt die Juristin nur an, dass der Angeklagte am Fasnachtssonntag, 11. Februar, gegen 19.40 Uhr in Neuhausen in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt gewesen sein soll.

Angeklagter soll Konfrontation gesucht haben

Am Rande einer Faschingsveranstaltung soll der 18-Jährige zusammen mit weiteren Männern an der Kreuzung der Esslinger Straße mit der Bahnhofsstraße einer anderen mehrköpfigen Gruppe aggressiv begegnet sein und sie provoziert haben. Der Angeklagte habe ganz bewusst die Konfrontation gesucht, sagt die Staatsanwältin. Während der folgenden Auseinandersetzung habe er einem Mitglied der anderen Gruppe eine Flasche über den Kopf geschlagen.

Nach einer kurzen Flucht der Angegriffenen sei es erneut zu einem Handgemenge gekommen. Der Angeklagte soll in dessen Verlauf einem weiteren Mitglied der anderen Gruppe, das laut Polizeibericht zum Tatzeitpunkt 37 Jahre alt war, in den Bauch und mit der Faust mehrfach ins Gesicht geschlagen haben. Als der Kontrahent bereits am Boden lag, habe der 18-Jährige mehrfach mit den Schuhen gegen dessen Kopf getreten. Selbst als der Geschädigte bewusstlos geworden sei, habe der Angeklagte weiter gemacht. Das Opfer hat laut Staatsanwältin mehrere Frakturen im Gesichtsbereich erlitten – auch das Jochbein sei durch die Tritte gebrochen worden. Erst als ein Passant mit seinem Hund vorbeigekommen und den Angeklagten angeschrien habe, er solle gefälligst aufhören, soll der Angeklagte die Flucht ergriffen haben.

Corona soll ihn aus der Bahn geworfen haben

Der 18-Jährige wollte sich während des ersten Verhandlungstages nicht zur Sache äußern. Zu seiner Person machte er aber Angaben. Der in Nürtingen Geborene und in Wendlingen Lebende gab an, durch Corona und das Homeschooling aus dem Tritt gekommen zu sein. Bis dahin sei er ein fleißiger Schüler gewesen, doch durch die Pandemie habe er Probleme mit dem Lernen bekommen. Der Angeklagte sprach von mehreren Schulwechseln, einer zweiwöchigen Suspendierung vom Schulbesuch und einer Haftstrafe. Zu den Hintergründen wollte er sich auch auf Nachfrage des Gerichts nicht äußern. Auf eine weitere Nachfrage gab er an, noch nie Alkohol getrunken oder andere Drogen konsumiert zu haben. Ein solches Verhalten sei gesundheitsschädlich.

Laut Auszügen aus dem Bundeszentralregister, die von dem Vorsitzenden Richter verlesen wurden, ist der Angeklagte in der Vergangenheit mehrfach auffällig geworden. So habe er einem Mitschüler im März 2023 mit der Androhung, ihn zusammenzuschlagen, 50 Euro abpressen wollen. Als der Klassenkamerad das Geld am nächsten Tag überreichen wollte, habe der Angeklagte behauptet, alles sei nur ein Scherz gewesen. Mehrfach hat der 18-Jährige laut Auszug aus dem Bundeszentralregister mit einer Softairwaffe auf Mitschüler geschossen. Der Angeklagte, der seit März in Untersuchungshaft sitzt, habe auch auf einen anderen jungen Mann mehrfach so stark eingeschlagen, dass dieser ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und drei Tage stationär habe behandelt werden müssen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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