Prozess um Frauenmord vor 25 Jahren Cold-Case-Ermittler finden kein Tatmotiv
Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Brigitta J. im Juli 1995 hat nun die Ermittlungsleiterin ausgesagt. Für viele Fragen hat aber auch sie keine Antworten.
Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Brigitta J. im Juli 1995 hat nun die Ermittlungsleiterin ausgesagt. Für viele Fragen hat aber auch sie keine Antworten.
Stuttgart - Warum musste Brigitta J. vor 25 Jahren einen gewaltsamen Tod sterben – nachts, im verlassenen Gewerbegebiet, mitten auf der Straße? Die Frage nach dem Tatmotiv ist auch für die Cold-Case-Ermittler unklar, die einen heute 70-Jährigen auf die Anklagebank gebracht haben. Die 51-jährige Ermittlungsleiterin sagt am 23. Tag des Mordprozesses als Zeugin im Stuttgarter Landgericht: „Ich schließe aus den Erkenntnissen, dass es sich wohl um ein Zufallsopfer handelte.“
Die Kriminalhauptkommissarin hat aus 25 Jahren vergeblicher Ermittlungsarbeit einiges zusammengetragen, als sie sich im September 2019 über 20 Kartons mit 150 Aktenordnern und vergessenen Asservaten hermachte. „Aktenzeichen XY“ hatte zuvor nachgefragt, was aus dem Fall Brigitta J. geworden sei, die am 14. Juli 1995 gegen 23.40 Uhr nahe dem Breuningerland von einem Mann erstochen wurde. Die Böblinger Beamtin bekam den Fall auf den Tisch.
Dank moderner DNA-Analyse wurde schließlich ein Tatverdächtiger gefunden: An einem Fingernagel des Opfers wurde mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu 24 Billionen ein genetisches Merkmal von Hartmut M. gefunden. Ein einzigartiges Ergebnis. Er wurde im Februar 2020 in einer Gartenlaube in Hamburg festgenommen.
Eine schillernde Figur: Einst war Hartmut M. Manager und Vorstandsmitglied in Unternehmen wie Digital Equipment oder Rosenthal Porzellan – dann begann ein beispielloser Abstieg. 2001 brachte er in Oberfranken die 51-jährige Magdalene H. um, erpresste 2004 den Shell-Konzern um Millionen. Dafür wurde er 2007 vom Landgericht Würzburg wegen Totschlags und Erpressung zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt.
Dass Hartmut M. auch im Juli 1995 getötet hat, ist für die Anklage eindeutig. Vor allem wegen der DNA-Spur – und wegen der Aussagen eines direkten Augenzeugen. Ein US-Pilot aus Georgia, der dem Täter begegnete, hat Hartmut M. auf alten Fotos wiedererkannt. Auch auf einem Polaroidfoto, das die Polizei sechs Tage nach der Tat von dem vermeintlichen Zeugen aufnahm.
Der Angeklagte schweigt allerdings – und die Ermittlungsleiterin sagt, dass sie vieles nicht weiß. Man wisse beispielsweise bis heute nicht, wo der Beschuldigte zur Tatzeit 1995 wirklich gewohnt habe. Jedenfalls nicht an der Holzgerlinger Adresse seiner Frau, von der er damals längst getrennt war. Oder an der Adresse seines Sohnes, die ein damaliger Aushilfsermittler ungeprüft notiert hatte. Die Überprüfung seines Alibis, er sei zur Tatzeit mit einem Ex-Arbeitskollegen im Siebenmühlental gesessen, habe „kein definitives Ergebnis“ bezüglich der Uhrzeit gebracht, sagt die Polizeizeugin. Weder der Gastronom noch der Bekannte hätten sich nach 25 Jahren hundertprozentig festlegen können.
Hinweise auf ein sexuell-sadistisches Motiv gebe es auch nicht. Spezialisten der operativen Fallanalyse hätten zwar seine Bildersammlung mit gequälten und gefesselten Frauen gesichtet, dabei aber „keine großen Auffälligkeiten“ festgestellt. Auch im Mordfall Magdalene H. 2001 in Oberfranken hätten die Ermittler ein sexuelles Motiv nur vermuten können.
Das Rätsel um zwei Autos am Tatort vermag auch die Hauptkommissarin nicht zu klären. Der gelbe Lieferwagen, mit dem der Täter davongefahren sein soll, könnte ein „Wahrnehmungsfehler“ des US-Zeugen gewesen sein, sagt sie. Hartmut M. fuhr einen schwarzen Honda CRX. Doch warum sollte er nachts in der Tilsiter Straße gewesen sein? Vielleicht als Helfer einer Körperpflege-Vertretertagung in der nahen Messehalle am Tag danach? Einen solchen Vertreter hat die Ermittlerin nach einem Hinweis der Ex-Frau des Angeklagten durchaus aufgespürt – dann aber abgehakt. Dabei soll es sich um den besten Kumpel und Trauzeugen von Hartmut M. handeln. Offenbar nur Zufall? Der Prozess wird fortgesetzt.