Prozess um Handgranatenanschlag in Altbach Mitten in der Meute: Was der erste Polizist am Tatort erlebt hat

Polizisten im Altbacher Friedhof: Nach dem Anschlag am 9. Juni 2023 wird nach Spuren gesucht. Foto: 7aktuell.de/Kevin Lermer

Nach und nach wird deutlich, wie die Polizei den Handgranatenanschlag von Altbach erlebt hat. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter geben Beamte überraschende Einblicke.

Es sind nur ein paar Minuten, vielleicht sogar nur einige Sekunden, da ist ein 55-jähriger Polizeioberkommissar der einsamste Mensch von ganz Altbach. Er steht am 9. Juni 2023 auf einer Straße am Rande des Friedhofs, auf dem kurz zuvor eine Handgranate explodiert ist, und vor ihm liegt ein Mann auf dem Pflaster. Schwere Gesichtsverletzungen, Blutaustritt. Wer ihn so zugerichtet hat, „wer auch immer“, sagt er. Der Polizist ist der erste am Tatort, allein mit dem mutmaßlichen Attentäter, der offenbar auf der Flucht zusammengeschlagen wurde. Und dann rennt eine wütende Menge herbei.

 

Am sechsten Verhandlungstag im Prozess um den Handgranatenanschlag von Altbach bekommt die 19. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts am Mittwoch erste Einblicke in die Welt der Polizeibeamten am Tatort. Dass ein inzwischen 24-Jähriger kurdisch-iranischer Herkunft der Werfer gewesen sein soll, ist längst unstrittig. Er hat die Vorwürfe über seinen Anwalt eingeräumt. Nun geht es aber auch darum, wie die Polizei mit dem Anschlag umgegangen ist. Der steht im Zusammenhang mit einer seit Sommer 2022 dauernden bewaffneten Auseinandersetzung unter schießwütigen multiethnische Gruppierungen im Großraum Stuttgart.

Der erfahrene Streifenpolizist zieht die Waffe

Wie auch am Mittwoch wieder offenkundig wird, hat es reichlich Observationsbeamte verschiedener Polizeipräsidien gegeben, die das Geschehen von Anfang bis Ende dokumentierten. Der Polizei war nämlich vorab bekannt, dass die Beerdigung eines 20-Jährigen einige Mitglieder einer als schießwütig und gewalttätig bekannte Gruppierung nach Altbach bringen würde. Mit einem Handgranatenanschlag auf sie rechnete indes niemand. Es gab 15 Verletzte.

Der 55-jährige erfahrene Streifenpolizist ahnt denn auch nichts Gutes, als eine Menge junger, südländisch aussehender, schwarz gekleideter Männer auf ihn zugestürmt kommt. Auch seine Streifenpartnerin, eine Praktikantin, kann etwas entfernt die Meute nicht aufhalten. „Wir haben Mühe gehabt, die davon abzuhalten, ihm noch mehr zuzusetzen“, sagt der Esslinger Beamte. Das gelingt erst, als er seine Dienstwaffe zieht. „Ich habe die Schusswaffe gezogen, bin in Schutzstellung gegangen, die Mündung auf den Boden gerichtet“, schildert er vor Gericht. Die Menge habe sich daraufhin nicht weiter genähert. „Aber sie haben uns umringt.“

Und dann ist die Situation „am Kippen“

Der Beamte spricht von Chaos. Von völligem Durcheinander. Von Scharmützel. Und dann ist da eine Rettungswagenbesatzung, die den Schwerverletzten in ihren Wagen schafft und versorgt. Die Menge wendet sich den Sanitätern zu. Sie treten gegen den Rettungswagen, versuchen die Schiebetür aufzureißen. „Die Situation war am Kippen“, sagt der 55-Jährige, „wenn das gelungen wäre, dann wäre das ganz schlecht ausgegangen.“ Doch dem Rettungswagen gelingt die Flucht. Eine solche Situation habe er in 33 Jahren Streifendienst noch nie erlebt.

Immer mehr Streifenwagen treffen ein. Etwa ein 49-jähriger Esslinger Revierkollege, der noch den Mob am Rettungswagen rufen hört: „Da drin liegt er, lasst uns rein, wir bringen ihn um.“ Was da losgewesen war, sei zunächst völlig unklar gewesen. „Das war so viel, so schnell“, sagt er. Und doch bekommt er am Rande mit, dass die Polizeistreifen offenbar gar nicht die ersten Beamten am Tatort sind. Da seien noch zwei Zivilfahrzeuge gewesen, sagt der 49-Jährige, einer vom Fahndungstrupp Plochingen, und ein ihnen unbekanntes Auto.

Das Attentat ist umfänglich fotografisch dokumentiert

Tatsächlich muss es von Anfang an eine Vielzahl von observierenden Beamten gegeben haben. Einer davon, weißes T-Shirt, schlank, über 30 Jahre, mit einer Colaflasche in der Hand, fiel sogar als flüchtender Mann auf. Nach ihm wurde lange Zeit gefahndet, weil selbst die Polizei den Observationsbeamten des Polizeipräsidiums Stuttgart für einen Tatverdächtigen hielten. Hätte er die Meute von Anfang stoppen können – so wie der 55-jährige Streifenpolizist kurz darauf alleine mit seiner Dienstwaffe?

Diese Frage interessiert nebenbei auch die Staatsanwaltschaft, die diesen Vorgang prüft. Bisher sind über die polizeilichen Abläufe nur wenige Karten aufgedeckt worden. Immerhin hat die 19. Kammer unter ihrem Vorsitzenden Richter Norbert Winkelmann ein paar interessante Einblicke bekommen. Dass die Polizei von Anfang an dabei war, zeigt sich etwa an zwei Fotos, die von der Trauergemeinde unmittelbar nach der Handgranatenexplosion aufgenommen wurden. Es zeigt schwarz gekleidete junge Männer, die von einer hohen Mauer springen, um den Attentäter zu verfolgen. Ein junger Ermittler verrät, dass die Fotos von einem Observationsteam des Polizeipräsidiums Reutlingen stammten. Der Prozess wird fortgesetzt.

Weitere Themen