Prozess um Handgranatenwurf Eine Ermittlungsgruppe namens Rubel

Die Polizei untersucht am 29. Januar den Tatort: Unbekannte haben in Villingen-Schwenningen  eine scharfe Handgranate über den Zaun einer Flüchtlingsunterkunft geworfen. Sie ist nicht explodiert. Foto: dpa
Die Polizei untersucht am 29. Januar den Tatort: Unbekannte haben in Villingen-Schwenningen eine scharfe Handgranate über den Zaun einer Flüchtlingsunterkunft geworfen. Sie ist nicht explodiert. Foto: dpa

Der Prozess um einen Handgranatenwurf auf ein Heim für Flüchtlinge in Villingen enthüllt dubiose Hintergründe. Der Täter gesteht, doch die Männer im Hintergrund schweigen.

Politik/ Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)
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Rottweil/Konstanz - Das Geständnis kommt nach der Mittagspause als Verteidigererklärung. Ja, sein Mandant räume die Tat ein. Er habe die Handgranate auf das Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen geworfen, sagt der Rechtsanwalt von Anton G. Er sei davon ausgegangen, dass die Granate scharf war, auch wenn sie nicht zündete. Der Angeklagte selbst lauscht mit eingezogenem Kopf. Wenn am Freitag am Konstanzer Landgericht der sogenannte Handgranatenprozess gegen sechs Männer zu Ende geht, wird es zumindest über denjenigen, der die Tat ausführte, keine Zweifel geben.

Wenige Wochen zuvor hatten Anton G. und auch Sergej B., der bei dem Anschlag mit ihm im Auto gesessen, die Anweisungen gegeben und die Handgranate aus dem Handschuhfach geholt haben soll, selbst noch die Villinger Flüchtlinge bewacht. Dann entzog die Tuttlinger Sicherheitsfirma, die eigentlich zuständig war, dem Subunternehmen, für das die beiden arbeiteten, den Auftrag. Der Handgranatenwurf, so sieht es die Staatsanwaltschaft, sei ein Racheakt gegen die Security gewesen – beauftragt von den beiden ausgebooteten Chefs. Auch sie sitzen auf der Anklagebank.

Dicke Muskeln, lange Vorstrafenlisten

Der Fall zeigt, welche Klientel in der Hochzeit der Flüchtlingskrise die Heime bewachte. Es sei schwierig gewesen, integere Firmen zu finden, räumt ein Sprecher des Regierungspräsidiums ein. Mittlerweile mache man das mit europaweiten Ausschreibungen, gewichte nicht nur den Preis, sondern auch die Qualität und verlange sogar die Führungszeugnisse der Mitarbeiter. Doch damals sei es schwieriger gewesen. Und wie sich zeigt, arbeiteten viele im Securitygewerbe, die dicke Muskeln, aber auch teils lange Vorstrafenlisten hatten. Sergej B. zum Beispiel, der mit seiner Fußfessel so breitbeinig zur Anklagebank geht, dass es nur für kleine Schrittchen reicht, hatte gerade erst eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen.

Bei der Kriminalpolizei in Rottweil beschäftigt sich mittlerweile eine ganze Ermittlungsgruppe namens EG Rubel mit den Auswüchsen im südwestdeutschen Sicherheitsgewerbe. So ganz glücklich ist die Konstanzer Staatsanwaltschaft nicht über den Namen, weil er ein wenig zu deutlich sagt, worum es geht: um viel Geld und um den Umstand, dass vor allem junge Russlanddeutsche die Bewachung von Flüchtlingsunterkünften zeitweise als Goldgrube ausgemacht hatten. Diese Gruppe gilt als flüchtlings-kritisch. Das trifft wohl auch auf die Angeklagten zu. Auf seiner Facebook-Seite teilt einer der Männer einen NPD-Beitrag über „Merkels Flüchtlingsparadies“. Kurz vor der Tat postet er den unmissverständlichen Aufruf eines Unbekannten an „Biker und Triker“, „sich zu erheben“. „Die traumatisierten Flüchtlinge saufen, pöbeln, schlagen und stechen auf uns ein. Sie vergewaltigen unsere Frauen“, heißt es da. Aus dem Villinger Heim können diese „Erkenntnisse“ nicht stammen. Da war immer alles friedlich. Gab es vielleicht doch rechtsextreme Motive?

Ein unbeschriebenes Blatt

Wenn Sergej B. der Mann fürs Grobe ist, dann ist Sergej D. der Mann dahinter. Zusammen mit Alexandr W. soll er die Sicherheitsfirma geführt haben. Aber hat er den Auftrag für den Handgranatenwurf persönlich erteilt? Beide sitzen auf der Anklagebank und sagen nichts. Alexander W. soll am Tag nach der Tat 4000 Euro abgehoben und den beiden Attentätern gegeben haben. Dafür gibt es Zeugen und Belege. Überhaupt erledigte er die Finanzen und unterschrieb die Verträge.

Doch hinter all dem sei Sergej D. gestanden, sagt auch der Chef des Tuttlinger Security-Unternehmens, das den Auftrag erst weitergeleitet hatte und das dann zum Opfer wurde. Von dem Tuttlinger weiß die Polizei auch, dass zwischen August und November 2015 mehr als 200 000 Euro an die Firma von Alexandr W. und Sergej D. geflossen sein dürften. 18 Euro plus Zuschläge zahlt das Regierungspräsidium pro Wachmannstunde, Angestellte berichten jedoch davon, kaum mehr als neun Euro bekommen zu haben. Der Job scheint dennoch interessant gewesen zu sein. Er habe auf eine Festanstellung als Security-Mitarbeiter gehofft, sagt ein Mitangeklagter, der zunächst bei dem Anschlag mitgemacht, dann aber gekniffen hat.

Die Bosse fuhren dicke Autos

Für die beiden Bosse dürfte sich die Bewachung des Villinger Heims auf jeden Fall gelohnt haben. Beide fuhren dicke Autos: einen Mercedes S500, einen Audi A8, einen VW Phaeton, einen Mercedes GL. Die Geldflüsse seien allerdings schwer nachzuvollziehen, sagen die Ermittler. Sergej D. sei finanztechnisch ein völlig unbeschriebenes Blatt. Nicht einmal ein Bankkonto habe der Mann, geschweige denn gebe es eine Steuererklärung, sagt ein Mitglied der EG Rubel im Konstanzer Zeugenstand. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Schon bei seiner vorläufigen Festnahme sei etwas Eigenartiges geschehen, erinnert sich ein Beamter. Von Sergej D.s Freundin seien die Beamten zu einer Wohnung geführt worden, von der sie überhaupt nichts wussten. Noch am selben Abend habe die Polizei sie durchsucht. „Als wir am nächsten Tag noch einmal etwas nachschauen wollten, war sie komplett ausgeräumt.“ Von wem und warum, ist unbekannt.

Selbst der „Pitbull“ hat Angst

Vor dem Boss hat sogar Sergej B. – Spitzname Pitbull – Respekt. Im Gerichtssaal sagt er nichts. Bei der Polizei hatte er zwar geredet, doch bei der Frage nach den Hintermännern Hemmungen entwickelt. „Er hat die Namen nie selbst in den Mund genommen und war erleichtert, als wir sie genannt haben“, sagt der damalige Vernehmungsbeamte. Denn auch privat gilt Sergej D. als graue Eminenz. Eine schwarze Jacke mit goldener Schrift weist den Mann als Präsidenten eines Clubs namens „Sila a Cest“ aus, zu deutsch: Stolz und Ehre. Was in dem Club getrieben wurde, ist unklar. Kraftsport und so, sagt einer der sechs Angeklagten. Die meisten waren Mitglied. Eine Qualifikation, um Flüchtlingsheime zu bewachen, dürfte dies aber nicht sein.

Selbst der Pitbull hat Angst

Der große Schweiger ist der Entscheider

Gibt es doch rechtsextreme Motive?

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