Ob man ihn am Ende noch in einen Teich tauchen soll? Nein, die Peiniger belassen es bei Schlägen mit einem Holzstock und mit Stichen in Hand und Beine. Der Elektroschocker bleibt dem gefesselten Opfer erspart, er funktioniert nicht. Bei der 14. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts wird in der Anklage ein Martyrium geschildert, das ein 20-Jähriger im Januar am Dreikönigstag in einer Gartenhütte im Süden Stuttgarts durchlitten hat. Eine Strafaktion, die zunächst mit einem Überfall in Vaihingen begonnen hatte. So kann es kommen, wenn angeblich zehn Kilo Drogen im Wert von 50 000 Euro spurlos verschwinden.
Zum Prozessauftakt am Mittwoch wirft der Staatsanwalt vier Angeklagten im Alter von 20, 23, 24 und 27 Jahren gemeinschaftlichen erpresserischen Menschenraub, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung und schweren Raub vor. Alle sind Männer aus Stuttgart, mit einer Ausnahme ohne Berufsausbildung, mit einer langen Vita der Drogen- und Alkoholsucht sowie mit Polizeieinträgen, drei mit deutscher, einer mit rumänischer Staatsbürgerschaft – und allesamt offensichtlich mit wenig Skrupeln.
Das Martyrium dauert vier Stunden
Die Polizei hatte den Vorfall am 6. Januar mit einer kurzen Mitteilung abgehandelt. Ein 20-Jähriger sei von einer Gruppe von fünf bis sechs Personen auf dem Parkplatz eines Supermarkts an der Industriestraße nahe des Bahnhofs Vaihingen unvermittelt angegriffen worden. Man habe ihn geschlagen, getreten, gefesselt und in einem Auto in eine „unweit entfernte Gartenhütte“ gebracht, wo er allein gelassen wurde, ehe er sich befreien und die Polizei alarmieren konnte. Das ist die Kurzfassung eines Martyriums, das offenbar von 0.30 bis 4.30 Uhr dauerte.
Anders als bei vielen anderen Gerichtsprozessen um Gruppengewalt stößt die Vorsitzende Richterin Verena Alexander diesmal nicht auf eine eiserne Mauer des Schweigens. Vor allem ein 24-Jähriger, zuletzt in einem Wohnheim lebend, will Angaben zur Sache machen – so wie auch schon bei den Polizeiverhören. Vieles bleibt aber wolkig – denn unklar bleibt, warum er überhaupt mitgemacht hat: „Weiß auch nicht.“
Wie kamen die Drogengewinne „abhanden“?
Drahtzieher und Regisseur soll ein heute 27-Jähriger sein, zuletzt in Büsnau ansässig, zur Tatzeit um die Ecke am Schauplatz des Überfalls in Vaihingen wohnend. Ihm sollen zehn Kilo Marihuana „abhanden“ gekommen sein, erzählt sein 24-jähriger Freund und Mitangeklagter. Durch Diebstahl, durch Einbruch – so genau führt er das nicht aus. Der Bestohlene habe jedenfalls einen konkreten Verdacht gegen zwei Männer geäußert – und einen davon habe der 24-Jährige gekannt. Er spreche den mal an, wenn er ihn sehe, erzählt der Angeklagte.
Das passierte dann auch in der Nacht zum 6. Januar zunächst in der Innenstadt – und das „Gespräch“ endete damit, dass der Betroffene seinen Kumpel und Hauptverdächtigen, einen 20-Jährigen, nach Vaihingen zu einem klärenden Treffen bestellen sollte. Wo die vermeintlichen Sünder von einem weiteren Strafkommando erwartet wurden.
Was sich die Täter vom Handy des Opfer versprachen
Laut Anklage wurde der 20-Jährige geschlagen und getreten, sein Pullover wurde ihm über den Kopf gezogen und mit Panzerklebeband fixiert. Es gab Schläge zuhauf, auch eine Schusswaffe soll zur Drohung eingesetzt worden sein. Die Szenerie wurde außerdem mit einem Handy gefilmt, so der Staatsanwalt zur Beweislage.
Von Vaihingen soll das Opfer mit einem Taxi zur Wendeschleife der Bushaltestelle Waldeck im Stadtteil Kaltental gebracht worden sein – vier Kilometer entfernt. In einem nahen Gartengrundstück in einer Hütte folgte dann die Prozedur der Misshandlungen. Dabei ging es indes nicht nur um die Lust am Quälen. Laut Staatsanwalt wollte man mit der geraubten Silberhalskette, der falschen Rolex und dem Handy des Opfers finanzielle Verluste ausgleichen – und über die Daten aus dem erbeuteten Mobiltelefon Hinweise finden, wo das Geld geblieben war. Der Prozess wird fortgesetzt.