Prozess um Messerangriff in Stuttgart Drei Brüder und die Bluttat in der Königstraße

„We don’t do ordinary“ – wir machen nichts Gewöhnliches: Botschaft des ältesten der drei Brüder beim Messer-Prozess. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Erneut stehen Angehörige einer syrischen Großfamilie vor Gericht. Drei Brüdern wird versuchter gemeinschaftlicher Totschlag vorgeworfen. Sie sollen bei einem Messerangriff in der Königstraße drei Männer teils lebensgefährlich verletzt haben.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Die Anklage ist verlesen – und erneut geht es um schwere Vorwürfe gegen Angehörige einer syrischen Großfamilie, die bereits seit Monaten wegen einer Vielzahl von Gewaltdelikten und anderen Straftaten von sich reden macht. Die Polizeisysteme weisen mehr als 150 Einträge auf. Diesmal sind es drei Brüder im Alter zwischen 17 und 27 Jahren, die sich seit Mittwoch unter hohen Sicherheitsvorkehrungen im Stuttgarter Landgericht verantworten müssen – unter anderem wegen versuchten gemeinschaftlichen Totschlags. Drei Männer erlitten bei der Bluttat in der Königstraße am 30. Juli letzten Jahres erhebliche Stichverletzungen – einer schwebte in Lebensgefahr.

 

Die 3. Jugendstrafkammer des Landgerichts hat erst kürzlich mit der Flüchtlingsfamilie H. zu tun gehabt. Die saß teilweise im Publikum beim mehrmonatigen Prozess um eine Messerstecherei unter Jugendgruppen am Mailänder Platz, als einer der ihren auf der Anklagebank saß. Ende September 2024 verurteilte die Kammer unter Vorsitz von Richter Johannes Steinbach einen 20-jährigen Spross der Familie wegen gefährlicher Körperverletzung unter Einbeziehung einer früheren Verurteilung zu drei Jahren und drei Monaten Haft. An einem dieser Verhandlungstage geschah die Bluttat der Brüder in der Königstraße – eine halbe Stunde nach Ende des Prozesses. 1,2 Kilometer vom Gericht entfernt.

Blicke aus der Gruppe sollen Schwester belästigt haben

Am Mittwoch sind Polizei und Justizbeamte wieder verstärkt im Einsatz – mit doppelten Einlasskontrollen. Laut Anklage der Staatsanwaltschaft sollen drei Brüder am 30. Juli 2024 in Begleitung ihrer Schwester in der Innenstadt unterwegs gewesen sein, wo sie auf eine Gruppe Stadtbummler stießen. Zunächst habe es nur eine verbale Auseinandersetzung gegeben, weil sich die Schwester durch Blicke aus der Gruppe von drei Männern und zwei Frauen belästigt gefühlt habe. Die Geschwister H. verließen kurzzeitig den Schauplatz – und kehrten wenig später zurück. Es kam zum Angriff in einem Hinterhof.

Der Älteste soll laut Staatsanwalt David Borowski ein Messer ausgepackt haben, das zuvor im Rucksack der Tochter versteckt gewesen sein soll. „We don’t do ordinary“, wir tun nichts Gewöhnliches, steht beim Prozessauftakt auf dem Sweatshirt des 27-Jährigen. Er soll nach bisheriger Lesart den größten Beitrag geleistet haben. Ein 37-Jähriger wurde durch Stiche in den Bauch und Oberschenkel lebensgefährlich verletzt, musste per OP gerettet werden. Ein 47-Jähriger wurde an Rücken und Oberschenkel getroffen, ein 24-Jähriger im Bereich der Schulter verletzt. Die 52 und 33 Jahre alten Begleiterinnen blieben körperlich unversehrt.

Politische Debatte um kriminelle Flüchtlinge

Der 17-Jährige wurde nach kurzer Zeit nach einer Fahndung festgenommen. Eine Tatwaffe wurde zunächst nicht gefunden. Nach Informationen unserer Zeitung soll er damals schon im polizeilichen Auskunftssystem 33 Einträge mit einschlägigen Delikten auf dem Kerbholz gehabt haben. Sein zur Tatzeit 26-jähriger Bruder wurde zwei Tage später von der Polizei festgenommen, der zur Tatzeit 22-Jährige einen weiteren Tag später.

Der Fall der drei Brüder hatte nicht nur in Stuttgart und im Land heftige politische Diskussionen über den Umgang mit kriminellen Flüchtlingen ausgelöst. Denn die in Zuffenhausen untergebrachte syrische Familie war nicht zum ersten Mal durch Straftaten aufgefallen – mit mehr als 150 Delikten. Der 20-Jährige, von Richter Steinbach vor vier Monaten verurteilt, hatte in seinem Prozess zu seiner Familie berichtet, dass er 13 Geschwister und Halbgeschwister habe, der Vater sei dreimal nach islamischem Recht verheiratet gewesen. Sozialarbeiter stellten gegenüber unserer Zeitung fest, dass dies Fälle seien, „bei denen wir kapitulieren“.

Ein weiterer Bruder wartet auf seinen Prozess

Ein weiterer Bruder, sozusagen der Fünfte im Bunde, sitzt ebenfalls hinter Gittern. Der soll Anfang September auf dem Mailänder Platz zwei 16-jährige Jugendliche mit einem Cuttermesser bedroht und ein Handy gefordert haben. Mit der Beute auf der Flucht soll der zur Tatzeit 21-Jährige noch eine weitere Frau bedroht haben, ehe er von der Polizei festgenommen wurde. Zehn Tage zuvor soll er noch zwei Geschädigte genötigt und bedroht haben. Auch er wartet nunmehr auf seinen Prozess, der Mitte Februar beginnen soll.

Der Prozess um den Messerangriff in der Königstraße ist zunächst auf 14 Verhandlungstage angesetzt und bis Mitte Mai terminiert. Den Vorsitz der Verhandlung führt diesmal Richter Stephan Guth, der Vertreter Steinbachs. Über das Motiv der Eskalation in der Einkaufsmeile herrscht vorerst Rätselraten. Das Familienoberhaupt hatte in der Vergangenheit jedenfalls das städtische Jugendamt mit dafür verantwortlich gemacht, dass seine Söhne auf die schiefe Bahn geraten seien. Freilich soll auch er selbst in den polizeilichen Datensystemen zu finden sein. Der Prozess wird am 13. Februar fortgesetzt. Die Anwälte der Angeklagten haben bereits erklärt, dass ihre Mandanten zur Person und zu den Vorwürfen schweigen werden.

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