Der 23-Jährige braust auf. Empört schimpft er auf Arabisch von der Anklagebank. Was ein 38-Jähriger als lebensgefährlich verletztes Opfer des Messerangriffs im Juli 2024 in der Königstraße über die Tat berichtet, will er nicht unwidersprochen lassen. Auch seine Schwester bekundet später im Publikum laut ihr Missfallen, der Richter droht ihr den Rauswurf an. Drei Brüder müssen sich wegen versuchten gemeinschaftlichen Totschlags vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten – und am dritten Prozesstag lässt sich die brisante Stimmung von damals erahnen.
Der Prozess vor der 3. Strafkammer ist ohnehin brisant. Die 17, 23 und 27 Jahre alten Brüder gehören zu einer syrischen Großfamilie, die in der jüngsten Vergangenheit zu einem Politikum geworden ist – angesichts von mehr als 150 polizeilich registrierten Delikten. Ein vierter Bruder verbüßt für mehr als drei Jahre wegen einer Messerstecherei am Mailänder Platz eine Haftstrafe. Ein fünfter steht in diesen Tagen vor Gericht, weil er unter anderem zwei 16-jährige Bekannte mit einem Messer bedroht haben soll, um ein Handy zu erbeuten, und eine weitere Bekannte gezwungen haben soll, mit ihm mitzugehen. Vorwurf: Geiselnahme.
Eigentlich sollte jeder seines Weges gehen
Bei der Bluttat in der Königstraße am 30. Juli war laut Anklage eine syrisch-türkische Gruppe von drei Männern im Alter von 24 bis 47 Jahren sowie zwei 33 und 52 Jahre alten Frauen in einen Streit mit den drei Brüdern geraten. Die sollen der Gruppe vorgeworfen haben, ihre Schwester „angeschaut“ zu haben. Was guckst du – das Tatmotiv? Eine Version, die den 23-jährigen Angeklagten auf die Palme bringt. Die Verteidigung beruhigt die Lage.
Man sei sich in der Königstraße erstmals auf Höhe der Schulstraße begegnet, dann wenige Minuten später noch einmal, am Ende der Königstraße. Und dort passierte es dann. Mehr als zwei Stunden befragt die 3. Kammer unter Vorsitz des Richters Stephan Guth den heute 38-jährigen Geschädigten, ebenfalls Syrer, zu den Details. Er habe den Vorwurf nicht nachvollziehen können, man habe „normal geschaut“, sagt der Betroffene. Und eigentlich hätten die Männer vereinbart, dass jeder seines Weges gehen soll, zumal man Frauen dabei habe.
Diagnose: Bauchhöhlenöffnung und perforierter Magen
Bei der zweiten Begegnung aber sei die Lage eskaliert. Der Onkel seines Freundes habe sich in eine Debatte eingelassen, es sei lauter geworden. Und am Ende: Er habe von einem der Widersacher Schläge oder Schnitte ins Gesicht erlitten, ein zweiter habe ihm zwei Stiche in den Oberschenkel und einen in den Bauch versetzt. Diagnose laut Arztbrief: Bauchhöhlenöffnung mit großem Schnitt, ein perforierter Magen, multiple Stichverletzungen an Oberschenkel und Rücken, Fraktur des rechten Unterarms. Eine OP rettet sein Leben. Noch heute braucht er Schmerzmittel.
Welcher der Brüder hat was gemacht? Bei der Polizei hat das Opfer die Brüder in Wahllichtbildervorlagen erkannt. Auch Videoaufnahmen aus Überwachungskameras von benachbarten Geschäften zeigen Personen mit dem Aussehen der Beschuldigten. Der Täter mit dem Messer sei der später dazugekommene dritte Bruder gewesen, mit Tattoo an Hals und Hand. Im Gerichtssaal identifiziert er die Männer – aber anders als in der Anklage vermerkt. Der 23-Jährige sei’s gewesen. Und der 27-Jährige soll der zuerst angreifende Schläger gewesen sein. Deren Polizeifotos sehen ähnlich aus.
Die Schwester im Publikum schaut er nicht an
Die Richter und die Verteidiger wollen alles genau wissen: Welchen Stich hat er gespürt – den ersten oder den zweiten? Hat er die Verletzung als Stich oder als Schlag wahrgenommen? Welche seiner Aussagen trifft denn nun zu – dass er zu Boden gestürzt ist oder sich davor noch kurz hingesetzt hat? Und welcher der Brüder auf der Anklagebank hat damals zugestochen? Der Verteidiger des 23-Jährigen stellt jedenfalls fest, dass sein Mandant kein Tattoo habe.
Der 38-Jährige verlässt nach über zwei Stunden den Gerichtssaal. Er bedankt sich und sagt, dass er dem deutschen Recht und auf eine gerechte Entscheidung vertraue. Die Schwester im Publikum schaut er nicht an. Weder „normal“ noch sonst wie. Sie schickt ihm trotzdem böse Blicke und einige unfreundliche Worte hinterher.