Überwachungen, Observationen, GPS-Sender an verdächtigen Fahrzeugen: In dem Prozess um die Schüsse auf eine Shisha-Bar in der Nähe des Plochinger Bahnhofs hat am Montag ein Sachverständiger über Ermittlungsmethoden berichtet, die sonst vor allem aus Fernsehkrimis bekannt sind. Weitere Zeugen beleuchteten vor dem Stuttgarter Landgericht das private Umfeld der beiden 23-jährigen Angeklagten. Diesen wird versuchter Mord vorgeworfen: Im April 2023 sollen sie aus einem fahrenden Auto heraus Schüsse auf die Bar abgegeben zu haben. Der Wirt wurde durch zwei Streifschüsse verletzt.
Es sei ihm klar gewesen, dass sich etwas zusammenbraute, sagte der Sachverständige des Landeskriminalamtes (LKA) aus. Er und seine Kollegen hätten mehrere Telefonate über einen Anschluss abgehört, der auf einen der beiden Angeklagten zugelassen war. Da sei von einem Treffpunkt die Rede gewesen, von „Tschetschenen“, die mit von der Partie sein sollten, von einem wichtigen Termin. Mit Blick auf die Vorgeschichte und die Gesamtsituation schien eine schwere Straftat anzustehen.
Denn, so der Kriminalhauptkommissar, seit Monaten hätten sich zwei rivalisierende Banden in den Regionen Stuttgart, Esslingen und Göppingen Schusswechsel und tätliche Angriffe geliefert. Eine Gruppierung habe die andere attackiert, die darauf wiederum mit einer Gewalttat antwortete. Nach Schüssen auf einen wichtigen Entscheidungsträger der Gruppe Göppingen-Stuttgart-Zuffenhausen sei klar gewesen, dass es einen Racheakt geben würde. Der Mann sei schwer verletzt worden und bleibe wahrscheinlich querschnittsgelähmt.
Auto stand vor Shisha-Bar
Man habe daher mit einem Gegenschlag der Gruppe Göppingen-Stuttgart-Zuffenhausen gegen die rivalisierende Gang der Schiene Esslingen-Plochingen-Ludwigsburg gerechnet. Sein Team habe Verdächtige observiert, berichtete der LKA-Sachverständige. Als das Auto eines der beiden Angeklagten auf einem öffentlichen Parkplatz in Nähe des Göppinger Bahnhofs abgestellt worden sei, habe er es mit einem GPS-Sender versehen lassen. Dadurch könne nachgewiesen werden, dass sich dieser Wagen in der Tatnacht vor der Shisha-Bar befunden habe. Laut einem an einem früheren Verhandlungstag verlesenen Brief des Angeklagten soll er sein Auto aber an diesem Abend an einen Bekannten verliehen haben.
Im Zeugenstand wurden auch Freunde der beiden Angeklagten vernommen. Ein 19-Jähriger gab an, die beiden jungen Männer seit seiner Schulzeit in Göppingen zu kennen. In der Tatnacht habe er mit einem der beiden kurz gesprochen, weil er ihm Geld schuldete. Aber der 23-Jährige könne unmöglich der Täter sein: Während der Corona- Lockdowns habe er sein Haus nie verlassen, weil das verboten gewesen sei. Wer sich an solche Regeln halte, dem traue er eine Straftat wie die Schüsse keinesfalls zu.
Filmriss wegen Alkoholkonsum
Ein anderer Freund der Angeklagten konnte nur wenig zur Erhellendes beitragen. Er habe Erinnerungslücken in Folge eines Filmrisses wegen zu hohen Alkoholkonsums. Er sei in einem Lokal in Salach im Kreis Göppingen gewesen, in dem sich die beiden Angeklagten laut der Anklageschrift im Vorfeld der Tat getroffen haben. Doch nach mehreren Bechern Jacky Cola habe er sich an nichts mehr erinnern können. Am nächsten Tag habe er von der Verhaftung seiner Kumpel erfahren. Staatsanwältin und Richterin bezweifelten den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Wer von der Verhaftung eines Freundes erfahre, versuche doch, den Vortag aus der Erinnerung heraus zu rekonstruieren.