Prozess um Schüsse-Banden Opfer im Wachkoma – über neun Jahre Haft für den Täter
Mit Vollgas überfahren: Nach dem Angriff auf den Wirt eines einstigen Szenelokals am Vaihinger Markt hat das Landgericht Stuttgart nun das Urteil gesprochen.
Mit Vollgas überfahren: Nach dem Angriff auf den Wirt eines einstigen Szenelokals am Vaihinger Markt hat das Landgericht Stuttgart nun das Urteil gesprochen.
Es war noch eine Rechnung offen in der Auseinandersetzung zweier rivalisierender Gruppierungen – und der Wirt eines Stammlokals am Vaihinger Markt hat sie bitter bezahlt. Seit zwei Jahren liegt der 33-Jährige im Wachkoma, nachdem er bei einer Auseinandersetzung von einem Gegner mit einem Mercedes Cabrio mit Vollgas ins Visier genommen und angefahren wurde. Ein 26-Jähriger wurde am Mittwoch vom Stuttgarter Landgericht wegen versuchten Totschlags zu einer Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt. Außerdem soll er 500.000 Euro Schmerzensgeld an die Familie des Opfers zahlen.
Eigentlich war der Urteilsspruch von Norbert Winkelmann, dem Vorsitzenden Richter der 19. Strafkammer, keine große Überraschung mehr. Schon am ersten Verhandlungstag Ende Mai hatte er den groben Strafrahmen mit und ohne Geständnis skizziert – zwischen neun und zehneinhalb Jahre. Die Strategie der offenen Karten und Verständigungsgespräche wirkte sich letztlich auch auf die Plädoyers aus. Staatsanwältin Merk hatte zehn Jahre Haft wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Totschlags beantragt. Verteidiger Uwe Böhm sah höchstens neun Jahre für tat- und schuldangemessen. Nebenklage-Anwalt Markus Schwab als Vertreter des Opfers verlangte dagegen 15 Jahre Haft wegen versuchten Mordes.
Der Angriff auf den heute 33-Jährigen am 2. Oktober 2023 hatte sich offenbar schon vorher abgezeichnet. Der damalige Betreiber einer Shisha-Bar am Vaihinger Markt gilt als Anhänger einer der beiden – im Kern kurdisch geprägten – Gruppierungen, die sich mindestens seit Sommer 2022 mit Schusswaffen bekriegen. Als einstiger Angehöriger der 2013 verbotenen kurdischen Red-Legion-Gang wurde der Wirt in der Szene offenbar als Veteran in der Esslingen/Ludwigsburg-Gruppe angesehen, zu der sich auch die Vaihinger Fraktion zählt. Die Vaihinger wiederum sind mit einer multiethnischen Fraktion im Stadtteil Fasanenhof verfeindet, die ihrerseits mit der Zuffenhausen/Göppingen-Gruppierung paktiert.
Ein Konflikt innerhalb eines großen Konflikts: Nach einer Messerstecherei mit mehreren Verletzten im Dezember 2021 am Vaihinger Markt und einem späteren nicht öffentlichen Prozess um zwei jugendliche Beteiligte soll der Imbiss- und Barbetreiber auf die Opfer-Liste geraten sein. Für eine Racheaktion sei sein Name als potenzielles Opfer gefallen, berichtete eine szenekundige Beamtin als Zeugin vor Gericht. Er habe mit dem Ganzen nichts mehr zu tun, habe der Wirt mal geäußert. „Aber das wird man nicht los“, zitiert die Kriminalhauptkommissarin seinen Kommentar.
Die Mutter des Opfers hatte indes kurz vor der Tat der Polizei eine Bedrohung gemeldet. Ihr Sohn sei von Maskierten aufgesucht worden. Mit Bildern aus der Lokal-Videoüberwachung bekam die Polizei später Anschauungsmaterial über Mitglieder aus der Zuffenhausen/Fasanenhof-Fraktion in die Hände, die den Wirt tatsächlich zuvor aufgesucht hatten. Ernst wurde es ein paar Tage später: Eine Gruppe der Zuffenhausen/Fasanenhof-Fraktion spürte ihr Opfer am 2. Oktober 2023 gegen 21 Uhr am Vaihinger Markt auf und griffen an. Der zur Tatzeit 31-Jährige versuchte zu flüchten – wurde dann auf der Hauptstraße von einem Mercedes Cabrio E 300 mit 64 km/h erfasst. Das Opfer erlitt drei Schädelfrakturen, ein Hämatom im Gehirn, Schulterfraktur, Rippenfraktur, die Lunge kollabiert, Pneumothorax. Der Wirt überlebte, liegt aber im Wachkoma. Ein lebenslanger Pflegefall. „Und die Verletzungen sind auch heute noch lebensgefährlich“, sagt Richter Winkelmann, „an dem Zustand wird sich wohl nichts ändern.“
Das Tatfahrzeug mit holländischem Kennzeichen wurde später verlassen im Stadtteil Fasanenhof nahe einer Stadtbahn-Haltestelle gefunden. Der Fahrer war von Freunden nach Basel gebracht worden und hatte sich in die Türkei abgesetzt. Der 26-Jährige ist kurdischer Herkunft, indes in Den Haag in den Niederlanden geboren. Er soll früher im Kreis Esslingen mit Gewaltdelikten auffällig gewesen sein, eher er dann zur Zuffenhausen-Fraktion wechselte und mit Fasanenhof-Vertretern gesichtet wurde. Wohl aufgrund internationalen Haftbefehls wurde er am 24. November 2023 in der Türkei festgenommen und am 9. Oktober 2024, fast ein Jahr nach der Vaihinger Tat, schließlich nach Deutschland ausgeliefert.
Über seinen Verteidiger hat der 26-Jährige die Vorwürfe einräumen lassen – dafür gibt es im Urteilsspruch Rabatt. Sonst hätten bis zu zwölf Jahre hinter Gittern drohen können. Die Abschiebehaft in der Türkei, in deren Gefängnissen es kaum vergleichbar wie in deutschen Justizvollzugsanstalten zugeht, bringt dem kurdischen Niederländer ebenfalls einen Bonus ein. Für einen Hafttag in der Türkei werden zwei absolvierte Hafttage gutgeschrieben. So hatte die Staatsanwaltschaft gerechnet. Die Verteidigung wollte indes eine Umrechnung in drei Tage.
Noch eine Rechnung: Der Prozess erstreckte sich über elf Verhandlungstage. Laut Landgericht Stuttgart haben sich zum Thema Schüsse-Banden inzwischen mehr als 200 Prozesstage angehäuft – dank strenger Kontrollen bisher ohne Zwischenfälle.