Prozess vor dem Ludwigsburger Amtsgericht Geistheilerinnen sollen Frau in Ruin getrieben haben

Von Julian Illi 

Zwei angebliche Heilerinnen sollen eine Frau abgezockt haben und stehen deshalb vor dem Ludwigsburger Amtsgericht. Mehr als 80 000 Euro soll das mutmaßliche Opfer für die dubiosen esoterischen Rituale bezahlt haben – vielleicht noch viel mehr.

Die Ludwigsburger Richter müssen sich mit einem abstrusen Fall beschäftigen. Foto: dpa
Die Ludwigsburger Richter müssen sich mit einem abstrusen Fall beschäftigen. Foto: dpa

Möglingen - Dafür, dass normalerweise der Herrgott höchstpersönlich aus ihnen spricht, sind die zwei älteren Damen am Dienstag vor dem Amtsgericht Ludwigsburg erstaunlich still. Komplett still, um genau zu sein – nicht mal zu den persönlichen Verhältnissen wollen sich die selbsternannten Geistheilerinnen äußern. Dabei hätte man gerne gehört, was die 65-Jährige aus Möglingen und ihre sechs Jahre jüngere Geschäftspartnerin aus Stuttgart zur Aufklärung dieses abstrusen Falls beitragen können.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Heilerinnen vor, eine Frau über vier Jahre, zwischen 2010 und 2014, systematisch ausgebeutet zu haben. Für Handauflegen und andere esoterisch-spirituelle Rituale sollen die Frauen völlig überteuerte Honorare verlangt haben. Mehr als 300 einzelne Fälle haben die Ermittler aufgelistet, sie sprechen von einer Summe von mehr als 80 000 Euro, die das mutmaßliche Opfer bezahlt haben soll. Laut Anklage ein strafbarer Wucher.

Von den großen Gaben erwartete die Frau aus Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) offenbar große Wirkung, schließlich hätten die Heilerinnen behauptet, direkt mit Gottes Hilfe zu wirken, erklärte das Opfer vor Gericht. Eine der Damen kann laut Schilderungen der Zeugin sogar Hellsehen, Schicksale beeinflussen und mit den Toten sprechen – erstaunlich, ist die 59-Jährige von ihrer Berufsausbildung doch eher im Handwerk denn im Geistlichen bewandert: Laut Gericht hat sie Feintäschnerin gelernt. Ihre Geschäftspartnerin, deren heilsame Kräfte offenbar derart stark sind, dass sie sogar über die Telefonleitung zu ihren Kunden gelangen, hat gar keine abgeschlossene Ausbildung.

Trotzdem lieferte die „Patientin“ nach eigener Auskunft regelmäßig Bargeld in der Möglinger Wohnung ab, in der auch die „Therapie“ stattfand. Ein Sitzung habe nur wenige Minuten gedauert, erklärte der Staatsanwalt – und 70 Euro gekostet. Die Preise seien „völlig überhöht“ gewesen.

Sie könne sich nicht erklären, warum sie sich von diesen Damen so abhängig gemacht habe, sagte die Murrhardterin am Dienstag. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2009 sei sie psychisch in einer Ausnahmesituation gewesen, die sich im Laufe der „Behandlung“ weiter verschlimmert habe. 2014 habe sie kaum noch eigene Entscheidungen getroffen, Angst und Panikattacken erschütterten die pensionierte Lehrerin. „Sie war völlig instabil“, sagte der Arzt einer psychosomatischen Klinik. Dort war die 67-Jährige in Behandlung, nachdem sie mithilfe ihres Bruders den Kontakt zu den Heilerinnen abgebrochen hatte.

Just dieser Bruder präsentierte dem Gericht ganz eigene Zahlen, was seine Schwester an Geld nach Möglingen gebracht habe: „Das übersteigt vermutlich 300 000 Euro“, sagte er. Nicht nur ihr eigenes Barvermögen, auch das der Mutter ging nach seinen Schilderungen für Handauflegen, Karmatherapie und Geistgespräche drauf. Auch zwei Grundstücke versetzte die Murrhardterin, um weiter auf dem angeblichen Pfad zur Heilung wandeln zu können. Passieren konnte das nach Auskunft des Klinik-Psychologen weniger wegen der übernatürlichen Fähigkeiten der vermeintlichen Heilerinnen, als vielmehr wegen einer ganz irdischen Erkrankung des Opfers: Sie habe eine Persönlichkeitsstörung, erklärte der Fachmann. Aufgrund dieser mache sie sich von Dritten abhängig.

Die Verteidiger gaben an, dass nicht geklärt sei, ob das Geld tatsächlich bei ihren Mandantinnen angekommen sei, und beantragten einen Freispruch. Tatsächlich gibt es keine Quittungen der Heilerinnen, nur die Auszahlungsbelege eines Möglinger Geldautomaten. Der befand sich – Gott sei Dank – direkt gegenüber der Wohnung der Angeklagten und spukte in manchem Jahr mehr als 20 000 Euro vom Konto der Patientin aus. Ein Urteil soll am Donnerstag fallen.