Prozess wegen Sklaverei in Grafenau Hinweise auf Zwangsarbeit gab es schon früh

Diese sieben Polen holten Fahnder 2011 aus dem Hof. Acht Monate zuvor schien Kollegen der Betrieb noch unverdächtig. Foto: Hartmut Zacher
Diese sieben Polen holten Fahnder 2011 aus dem Hof. Acht Monate zuvor schien Kollegen der Betrieb noch unverdächtig. Foto: Hartmut Zacher

Bereits 2007 suchte ein polnischer Küchenhelfer Hilfe bei der Polizei. Der Prozess gegen das Bauernehepaar, das ihn beschäftigt hatte, platzte. 2010 meldete die polnische Polizei einen Verdacht auf Zwangsarbeit.

Böblingen: Marc Schieferecke (eck)
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Grafenau - An den Einsatz erinnert sich Heinrich S. auch drei Jahre nach seiner Pensionierung bestens. Damals „sind ein paar Sachen nicht so geschmeidig gelaufen, wie sie sollten“, sagt er. Es war der 13. Juni 2007, etwa 7.30 Uhr, als ein Pole vor ihm im Polizeirevier stand. Der Mann kam von der Nachtschicht in einer Großküche. Was er wollte, war nur zu erraten. Er sprach kein Deutsch. Jener Morgen war ein Hinweis darauf, dass ein Ehepaar auf seinem Bauernhof in Grafenau polnische Zwangsarbeiter beschäftigt – nicht der letzte und offenbar nicht der erste darauf, dass es sich lohnen könnte, jenen Betrieb zu durchleuchten. „Der Abteilung Arbeit, Umwelt, Gewerbe war die Schönbuchküche offensichtlich schon ein Begriff“, sagt der pensionierte Polizist.

Inzwischen ist sie auch Günter Necker ein Begriff. Der Richter leitet den Prozess gegen jenes Ehepaar am Landgericht Stuttgart. Die Staatsanwaltschaft hat in der Anklageschrift den Vorwurf „Sklaverei“ niedergeschrieben. Trotz jener Hinweise war erst im August 2011 der Betrieb aufgeflogen, für den in Grafenau Polen Kartoffeln anbauten und schälten, laut Zeugenaussagen in abbruchreifen Häusern, unter unmenschlichen und ekelerregenden Zuständen. Verfaulte Kartoffeln seien in der Schönbuchküche in Böblingen weiterverarbeitet worden, zu Kartoffelsalat für Kantinen. Das Gerichtsverfahren gegen das Ehepaar begann wiederum erst mit achteinhalb Jahren Verspätung.

Gemeinsam mit einem Kollegen suchte Heinrich S. einen Dolmetscher, vergeblich. Am Ende fuhren die beiden mit dem Küchenhelfer ins Landratsamt. Dort war ihnen eine Mitarbeiterin vermittelt worden, die Polnisch sprach. Der Mann erzählte von einem Fluchtversuch: Vom Busbahnhof in Grafenau aus habe ihn ein Kleinbus nach Polen fahren sollen. Stattdessen sei der Landwirt mit einem Vorarbeiter vorgefahren. Sie hätten ihn ins Auto gezerrt, ihm mit Prügel gedroht, ihm sein Gepäck abgenommen. Später sei er zur Nachtschicht geschickt worden.

„Der Mann wollte nur zurück nach Polen, alles andere war ihm egal“

Der Mann „wollte nur zurück nach Polen“, sagt Heinrich S., „alles andere war ihm egal“. Er und sein Kollegen formulierten Anzeigen gegen das Ehepaar, wegen Verstößen gegen das Straf- und Arbeitsrecht. Nach Rechnung der Ermittler hatte der Küchenhelfer 82,5 Stunden wöchentlich gearbeitet, bis zu 18,5 Stunden am Stück. Dafür waren ihm umgerechnet 2,18 Euro Stundenlohn versprochen. Das Geld sollte erst nach der Rückkehr in Polen ausgezahlt werden. Auf dem Revier hatte der Mann keinen Euro in der Tasche.

Die Szene am Busbahnhof war in der 6700-Seelen-Gemeinde Grafenau durchaus wahrgenommen worden. Auch der Bürgermeister Martin Thüringer kennt die Geschichte. Die Polizei war häufiger zu Gast auf dem Hof. In diesem Fall führten die Anzeigen zu einem Verhandlungstermin beim Amtsgericht Böblingen. Allerdings kam wenige Tage vorher Post aus Polen. Der Küchenhelfer zog seine Aussagen zurück. Der Gewerkschafter Hartmut Zacher argwöhnt, dass seine Familie bedroht worden war, aus Erfahrung. „Das ist nicht ungewöhnlich bei Osteuropäern“, sagt Zacher. Er hatte die restlichen Arbeiter betreut, nachdem im Jahr 2011 der Betrieb aufgeflogen war. Jener Vorarbeiter soll in Polen mit seiner Ehefrau eine Art Arbeitsvermittlung betrieben haben und ist dort wegen Menschenhandels verurteilt, zu einer Bewährungsstrafe.

Acht Monate vor der letzten Durchsuchung schien Fahndern der Hof unverdächtig

„Ich erinnere mich nur noch dunkel“, sagt Matthias M. – an den 21. Dezember 2010. Auch er ist Polizist, noch im Dienst. Der 40-Jährige zählte zu denjenigen, die an jenem Wintertag den Bauernhof durchsuchten. Der Anlass war ein Hinweis aus Warschau: Ein polnischer Arbeiter werde auf dem Bauernhof festgehalten und zur Arbeit gezwungen, sein Pass sei ihm abgenommen worden. Auch Matthias M. schien, dass „die Abteilung für Umwelt und Gewerbe“, nicht zum ersten Mal von dem Betrieb gehört hatte.

Er erinnert sich, dass „es in der Unterkunft muffig roch, aber es war warm und aufgeräumt“. Die Zustände empfand er etwa so, wie sie damals in Unterkünften für Asylbewerber gängig gewesen seien. Die Polizisten stießen auf sieben Arbeiter, auch auf den Gesuchten. Die Polen hätten einen guten Eindruck gemacht, genauso wie die Kartoffelküche. Alle hatten ihre Pässe. Details sind im Gedächtnis des 40-Jährigen nur noch Nebel. Missstände seien keine erkennbar gewesen, sagt er, „die Meldung aus Polen war wohl überspitzt“. Acht Monate später kamen Kollegen bei der letzten Durchsuchung des Bauernhofs zu einem völlig anderen Urteil.




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