Schießerei in Göppingen Ist „Ehre“ ein Teil des Motivs?

Die Spurensicherung inspiziert den Tatort an der Pappelallee. Dort gab es am 17. Mai eine Schießerei, bei der ein 24-Jähriger einen Steckschuss erlitten hat. Foto: Giacinto Carlucci

Intensiv auf Motivsuche ist das Landgericht Ulm in dem Prozess gegen einen 34-Jährigen mit irakischer Staatsbürgerschaft, dem versuchter Mord in vier Fällen vorgeworfen wird.

Warum gab es die Schießerei in der Göppinger Pappelallee am 17. Mai, bei der ein 24-Jähriger einen Steckschuss erlitten hat? Die „Ehre“ blitzt jetzt als mögliches Motiv auf. Nämlich die Ehre des ominösen Onkel S., der schon seit Jahren in der Türkei lebt, weil er abgeschoben wurde, der aber von der Ex-Freundin des Angeklagten als Helfer eingeschaltet werden sollte. Ihr Ex-Mann war, als er nach einer vorangegangenen Haftstrafe wieder auf freiem Fuß war, vor dem Haus ihrer Mutter aufgetaucht, als sie dort mit ihrem jetzigen Freund auf Besuch war – dies trotz Annäherungsverbot.

 

Damit er sie in Ruhe lasse, wandte sich die Ex-Freundin auf den Rat ihrer Mutter hin an diesen Schwager der Mutter. Als sie im Prozess erneut befragt wurde, sagte sie, sie habe den ihr unbekannten Onkel auf Instagram angemailt. Was genau sie ihm geschrieben habe, wisse sie nicht mehr. Aber: Er habe die Nachricht gelesen, das habe ihr Instagram angezeigt. Und sie habe ihm auch das Video geschickt, das sie von dem Auftritt ihres Ex-Freundes vor der Haustür der Mutter heimlich gemacht habe.

Intervention des Onkels sollte helfen

Bei diesem offenbar wüsten Auftritt soll der jetzige Angeklagte aber auch den Onkel S. selbst beschimpft haben. Die beiden kennen sich, sagt die Ex-Freundin, sie seien „untereinander gut“ gewesen, und so habe sie sich von einer Intervention des Onkels Wirkung versprochen. Ob er etwas unternommen habe, wisse sie nicht. Aber der Hilferuf hat sich vor Ort herumgesprochen, nach Kenntnis des Gerichts kursierte das Video in gewissen Kreisen, und bei der Polizei schlug nach dem 17. Mai das Gerücht auf: Der Ex-Freund soll den „Boss“ des Opfers beleidigt haben. Ist Onkel S. ein „Boss“?​

Der Vorsitzende Richter Wolfgang Tresenreiter kann sich nur wundern: Da sitzt ein Mann in der Türkei, wird in einer Videoaufnahme beleidigt, und das sei hier „so ein Thema“. „Wieso reden alle darüber?“ Sei der Mann Anführer einer Gruppierung? Darüber wüssten sie nichts, sagen die Ex-Freundin des Angeklagten und ihr jetziger Partner. Man weiß eigentlich auch nicht: Warum tauchte der Ex-Freund vor der Tür der Mutter auf? Jedenfalls hat er seine frühere Freundin in Angst versetzt, sie rief dann auch die Polizei, aber die habe nichts getan, um sie vor ihm zu schützen. Sie lebe in Angst vor ihm. Er habe sie während der Beziehung zuhause eingesperrt, „mir wurde die Nase gebrochen“, er habe sie mit einer Waffe bedroht.

Auto des Zeugen M. war aufgebrochen

Angst um sein Leben hat offenbar aber auch der Angeklagte. Dies berichtete eine Frau, die in der Haft von einer Behörde zu ihm geschickt worden sei und die er für seine Anwältin gehalten habe. Es seien zehn bis 15 Personen auf ihn angesetzt worden, sie hätten ihn umbringen wollen.

Er habe auch Angst um seine Angehörigen und wolle gerne in ein anderes Gefängnis verlegt werden. Der Verteidiger wies darauf hin, dass es in Esslingen, Ludwigsburg, Stuttgart ein „Kurdenproblem“ gebe und in einer Zeugenaussage – als Vermutung – von einer „Esslinger Gruppe“ die Rede gewesen sei, die auch Täter in der Pappelallee gewesen sein könnte.

Der Vorsitzende Richter sagte, dass es in dem genannten Raum um Marktanteile von „weißem Pulver“ gehe. Drogen oder auch Waffen können durchaus mit dem Fall Pappelallee zu tun haben. Das vermutet auch einer der Kripo-Kommissare, die das Opfer und seine Begleiter vernommen haben.

Nach der Vernehmung des Zeugen M. war nämlich das Auto aufgebrochen, mit dem das Opfer und M. nach Göppingen gefahren waren. M. hat das Opfer in Deggingen abgeholt. Sie hätten „einfach so“ die Idee gehabt, nach Göppingen zu gehen, das Auto am Zollamt beim Bahnhof abgestellt und seien durch die Stadt flaniert.

Laut Aussage ist das Treffen spontan gewesen

Andere Freunde seien dazugestoßen. Das sei ein spontanes Treffen gewesen, sagte einer der jungen Leute laut der Polizei. Einer hat der Polizei gesagt, er wollte einen Joint rauchen. Der sei vorneweg gelaufen, als es passierte: Zwei Männer hätten die Gruppe vor dem Eingang des Asylbewerberheims angesprochen: „Wie heißt du, wer bist du?“ Der Mann, der gleich zum Opfer werden sollte, habe erwidert „was geht dich das an?“, und schon sei es losgegangen mit dem Überfall: Ein Schuss auf den 24-Jährigen, Flucht und viele weitere Schüsse. So, wie es in der Anklageschrift dargestellt wird. Der Prozess wird fortgesetzt.​

Ein Kommissar bringt Drogen oder Waffen ins Spiel

Auffälliges Verhalten
 Als die Polizei den Zeugen M. zu seinem Auto am Zollamt zurückbringt, macht das Verhalten des Mannes einen Kommissar misstrauisch. Verblüffend schnell habe M. gesagt: Mein Auto ist aufgebrochen worden. Der Kommissar nimmt an, „dass da etwas rausgeholt wurde, um etwas zu verschleiern“. Drogen oder Waffen. Man wisse, dass in der Pappelallee mit Drogen gedealt werde.

Aussage
Der Kommissar sagte als Zeuge vor Gericht weiter aus: „Wir gehen davon aus, dass der Autoaufbruch mit der Tat in Verbindung stand.“ Womöglich habe das ebendieser Zeuge mit einer schnellen Handy-Nachricht veranlasst, bevor er sein Handy abgeben musste, um Spuren vor einer möglichen Durchsuchung des Fahrzeugs zu beseitigen.

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