Prozessauftakt Wulff verteidigt sich vehement

Von Wiebke Ramm 

Zum Prozessauftakt gegen ihn weist der Ex-Bundespräsident die Vorwürfe der Vorteilsnahme zurück. Er beklagt eine grenzenlose Ausleuchtung des Privaten.

Christian Wulff und David Groenewold begrüßten sich herzlich im Gerichtssaal. Die Chronologie der Wulff-Affäre können Sie in unserer Bildergalerie nachlesen. Foto: dpa Pool 23 Bilder
Christian Wulff und David Groenewold begrüßten sich herzlich im Gerichtssaal. Die Chronologie der Wulff-Affäre können Sie in unserer Bildergalerie nachlesen. Foto: dpa Pool

Hannover - Ein Bild hat er zu vermeiden gewusst: Der frühere Bundespräsident Christian Wulff setzt sich erst auf die Anklagebank, als die Kameraleute und Fotografen den Saal 127 des Landgerichts Hannover wieder verlassen haben. Das Foto des Altbundespräsidenten Wulff auf der Anklagebank gibt es nicht.

„Mein Name ist Rosenow“, sagt der Vorsitzende Richter, Frank Rosenow, zu Beginn der Hauptverhandlung. Dann sind die Angeklagten mit ihren Personalien an der Reihe. „Ich glaube, das können wir heute sehr kurz halten“, sagt der Richter und lacht. „Herr Wulff, der Vorname ist Christian, das weiß ich“, sagt er. Eine Frage aber hat der Richter dann doch noch: „Im Moment noch verheiratet?“ „Verheiratet“, sagt Wulff. Ein Ehering ist an seiner Hand nicht zu sehen.

Wulff sieht nicht mehr so ausgezehrt aus wie in den vergangenen Monaten. Sein Teint ist gebräunt, die Furchen, die zuletzt sein Gesicht durchliefen, haben sich geglättet. Der 54-Jährige trägt einen blauen Anzug, weißes Hemd, blau gestreifte Krawatte, keine Brille. An seinem Revier steckt das Bundesverdienstkreuz.

Fast eine Stunde schildert Wulff seine Sicht der Dinge

Niemals zuvor musste sich in Deutschland ein früheres Staatsoberhaupt als Angeklagter eines Strafprozesses vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft Wulff Vorteilsannahme, dem mitangeklagten Filmfinanzier David Groenewold Vorteilsgewährung vor. Es geht um rund 750 Euro. Groenewold soll für Christian und Bettina Wulff während eines Oktoberwochenendes in München 2008 einen Teil der Zimmerkosten übernommen haben. Auch für die Kinderbetreuung, ein Abendessen und einen Festzeltbesuch mit weiteren Personen soll er aufgekommen sein. Laut Anklage habe sich Wulff als damaliger Ministerpräsident daraufhin beim früheren Siemens-Chef Peter Löscher für Groenewolds Film „John Rabe“ eingesetzt.

Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer braucht nur wenige Minuten zur Verlesung der Anklage. Wulff schaut seinem Ankläger direkt ins Gesicht, als dieser den Münchenbesuch so ganz anders darstellt, als es der frühere Bundespräsident kurz darauf selbst tut.

Fast eine Stunde lang nimmt Wulff zu den Vorwürfen Stellung. Er steht auf, spricht ruhig. In seinen Händen hält er einen Stapel Zettel, auf denen er seine wichtigsten Sätze notiert hat. Die Anklage nennt er eine „Farce“. Er habe sich nach einer Chinareise aus eigenem Antrieb für den Film eingesetzt. In China sei er immer wieder auf John Rabe angesprochen worden. Mit seinem Freund David habe sein Schreiben an Löscher nichts zu tun gehabt. Auch habe Wulff erst Anfang 2012 erfahren, dass Groenewold ein Teil der Kosten des Aufenthalts in München übernommen hatte. Wulff habe ihm die Differenz umgehend überwiesen.

„David Groenewold ist mein Freund.“

„Politiker haben auch ein Recht auf Freunde“, sagt er. Und: „David Groenewold ist mein Freund.“ Beide Männer erzählen von Wulffs Hochzeit und der Geburt des Sohnes. Freund David habe an der Hochzeitstafel gleich neben Wulffs Tochter gesessen und an Bettina Wulffs Bett schon wenige Stunden nach der Geburt des Kindes gestanden. „Das ist Freundschaft“, sagt der Angeklagte.

Er wirkt gefasst und kämpferisch, staatsmännisch und verbindlich. Als er berichtet, dass auch Groenwold mal bei ihm und seiner Frau im Haus übernachtet habe, und lakonisch anfügt: „Ohne was zu bezahlen“, lachen einige Zuschauer im Saal. Wulff scheint für einen Moment verdutzt. Als Wulff aus dem Amt als Bundespräsident mit dem großen Zapfenstreich verabschiedet wurde, drückten Bürger ihren Unmut durch ohrenbetäubendes Vuvuzela-Getröte aus. Hier lachen die Menschen Wulff nicht aus. Sie lachen mit ihm.

„Ich bin persönlich betroffen wegen der grenzüberschreitenden Ermittlungen, der grenzenlosen Durchleuchtung meines Lebens, wegen des Verlustes jeglicher Privatsphäre“, sagt Wulff am Ende seiner Ausführungen. „Die persönlichen Schäden werden bleiben, vermutlich ein Leben lang.“

Das Gericht hat Termine bis April anberaumt. Der Vorsitzende Richter deutet an, dass auch noch bis Mai verhandelt werden könnte. Am kommenden Donnerstag geht der Prozess weiter.