Psychisch Kranke in Westafrika Die Erlösung von den Ketten

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Psychisch Kranke Menschen werden in Westafrika angekettet. Der Laienprediger Gregoire Ahongbonon will der Kettenseuche ein Ende bereiten.

Gregoire Ahongbonong befreit die Kranken von ihren Ketten. Foto: Heiss 3 Bilder
Gregoire Ahongbonong befreit die Kranken von ihren Ketten. Foto: Heiss

Bouaké - André Dembele spricht mit den Toten. Er ruft ihre Namen in die Dunkelheit seiner fensterlosen Lehmhütte hinein. Sie sind die Einzigen, die noch mit ihm reden. Die ihn nicht auslachen, weil er in der Einsamkeit die Worte vergessen hat, und er nur leise wimmern kann, unterbrochen vom Klappern seiner Zähne.

Wenig trennt ihn von einem Toten. Bewegungslos hockt er in der Schwüle auf seinem Bett, inmitten von Exkrementen und Fliegen. Ein Skelett, das von Pergamenthaut überzogen ist, mit gelben Fingernägeln wie Krallen. Nur selten hebt sich das Tuch an der Türöffnung und er bekommt eine Blechschale mit gestampftem Maniok oder etwas Wasser hereingeschoben. Die Enkel hat er nie kennengelernt, die Beerdigung des Vaters fand ohne ihn statt. So hungert er seit 20 Jahren in seinem Kerker.

Es war sein Bruder, der ihm eine Eisenstange zwischen die Knöchel geschraubt hat. Sorgfältig fixiert mit zwei Manschetten, die längst von Rost überzogen sind. Er sei besessen, sind sie sich einig im Dorf, und fürchten sich vor den Dämonen, die den Kirchgänger, fleißigen Plantagenarbeiter und Familienvater in einen Unberechenbaren verwandelt haben. In einen, der andere schlug und sie anbrüllte, wenn er wieder einen schlechten Tag hatte.

Verrückte gelten als Aussatz der Gesellschaft

"Nehmt euch in Acht vor dem Verrückten", warnen die Alten im Dorf Kemena in Burkina Faso, und die Jungen hören darauf. Schon die bloße Berührung eines Epileptikers, eines Schizophrenen, eines Manisch-Depressiven könne dazu führen, dass die teuflischen Geister überspringen auf die Gesunden, behaupten sie. Und deshalb machen sie in ganz Westafrika das mit den Kranken, was sie mit den Hunden niemals machen würden: Sie sperren sie zu Tausenden und Abertausenden weg, ketten sie an, schlagen sie mit Metallklammern in Holzstämmen fest. Die Verrückten gelten als Aussatz der Gesellschaft - eine soziale Isolation wie sie in früheren Zeiten auch in Europa weit verbreitet war und das nicht nur auf dem Land. Die Angst vor den Geisteskranken ist nichts Neues.

Der Tag der Hoffnung für André Dembele beginnt mit einem Wolkenbruch. Ein Donnern, das die Kinder zum Weinen bringt, Blitze, schäumende rote Erde, die Savanne ertrinkt im Regen. Der 49-Jährige, der aussieht wie ein Greis, weiß nicht, dass seine Retter nur noch wenige Stunden von seinem Verlies entfernt sind. Eine katholische Delegation aus dem Nachbarland Elfenbeinküste, mit Medikamenten im Gepäck und zu allem entschlossen.

Die Irren von den Ketten zu schneiden, trauen sich nur wenige. Sie zu berühren, gar zu umarmen und Tausenden eine neue Heimat zu geben, so verrückt ist in Westafrika nur ein Einziger - Gregoire Ahongbonon. Ein Mann so stattlich wie ein Mangobaum. Ein ehemaliger Taxifahrer, der von seinem Glauben angetrieben wird. "Jesus ist mir auf der Straße begegnet", erzählt der sechsfache Familienvater, "halbnackt, verwahrlost, in Gestalt eines Verrückten." Seither sammelt der 59-jährige Laienprediger und Direktor der katholischen Vereinigung St. Camille de Lellis die psychisch Kranken ein, fährt im Geländewagen in Dörfer und Städte, um der Kettenseuche ein Ende zu bereiten.