Immer mehr Kinder brauchen Unterstützung durch Schulbegleiter. Foto: dpa/Holger Hollemann
Viele Kinder schaffen es nicht allein den Schulalltag zu bewältigen. Sie bräuchten eine Schulbegleitung, doch an Helfern fehlt es. Eine Mutter von zwei autistischen Jungs aus Ludwigsburg erzählt, wie sie sich durch Kindergarten und Schule kämpfen mussten.
Lange haben Susanne Köhler und ihr Mann gedacht, sie seien nicht in der Lage, ihre Kinder zu erziehen. Schon als ihre Jungs Jakob und Rafael im Kindergarten waren, gab es ständig Schwierigkeiten. Besonders schlimm war es bei ihrem älteren Sohn Jakob, der heute 14 Jahre alt ist (Namen geändert). „Jakobs Art, Kontakt zu anderen Kindern aufzunehmen, bestand oft darin, jemandem eine Schaufel über den Kopf zu ziehen“, erzählt sie.
Köhler erhielt häufig Anrufe aus dem Kindergarten wegen Jakob. „Ich hatte immer fast einen Herzkasper, wenn das Telefon klingelte“, erzählt sie in einem Café in Korntal. Sie lebt mit ihrem Mann und den zwei Kindern im Kreis Ludwigsburg. Jakob durfte oft nicht an Ausflügen teilnehmen, und die Sporthalle war für ihn tabu. Er musste nach Hause gehen, wenn die anderen Kinder dort waren. „Ich ja dann auch“, sagt Köhler. Sie konnte nur noch arbeiten, wenn ihr Mann zu Hause war.
Kein Kindergarten mehr war die richtige Entscheidung
Oft wurden Köhler Vorwürfe von den Mitarbeiterinnen der Kita gemacht, wenn etwas schiefging. „Als ich ihn in den Arm nahm, hieß es, das sei das falsche Signal für ihn“, sagt sie. Diese Erinnerungen rütteln sie noch heute auf. „Ich war teilweise so verunsichert, wie ich mit meinem eigenen Kind umgehen soll.“
Irgendwann wurde das Jugendamt eingeschaltet und die Köhlers erhielten eine Integrationshilfe für den Kindergarten. Köhler wollte selbst jemanden suchen, aber die Kindergarten-Leitung übernahm dies. „Die agierte aber oft total an meinem Kind vorbei“, sagt sie. Die Begleitung sei auch nur stundenweise da gewesen, was wenig hilfreich gewesen sei.
Ein halbes Jahr vor seiner Einschulung mussten die Eltern Jakob komplett aus dem Kindergarten rausnehmen, davor hatte er den Großteil des Tages im Büro der Kitaleitung verbracht. „Da ging es ihm am besten, aber das wussten wir erst viel später“, sagt Köhler. Für die Familie war die Zeit eine enorme Belastung. Im Frühsommer vor der Einschulung wussten sie nicht mehr weiter. Die ganze Familie ging deshalb vier Wochen in eine Klinik am Bodensee. Die Ärzte dort stellten fest, dass beide Kinder an einer Autismus-Spektrum-Störung leiden, Rafael galt aber noch als „Grenzfall“.
Die Familie entschied sich daher, Jakob in der Johannes-Kullen-Schule in Korntal anzumelden, einem Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ). „Das hat uns viel Druck genommen“, sagt Köhler. Dort habe es viel Elternarbeit gegeben und eine intensive Betreuung. „Jakob hat dort wirklich viel gelernt“, sagt die Mutter.
In der Schule hatte Jakob zudem eine Schulbegleitung für zehn bis zwölf Stunden die Woche. Daher kam er immer etwas später und ging früher. Ab der fünften Klasse gab es diese Schulbegleitung aber dann nicht mehr. „Eine Bekannte von mir hat es dann übernommen“, sagt Köhler. Inzwischen wusste sie, dass sie das Recht hat, selbst jemanden zu suchen. Jetzt ist Jakob in der neunten Klasse und macht dieses Jahr seinen Hauptschulabschluss. „Er hat sich unglaublich entwickelt“, sagt seine Mutter stolz. Nächstes Jahr mache er noch die zehnte Klasse. „Kognitiv ist er fit.“
Die Zahl der Kinder, die eine Begleitung benötigen, steigt
Immer mehr Kinder benötigen wegen verschiedener Krankheiten und Störungen Unterstützung durch Schul- oder Kindergartenbegleiter, die sich persönlich im Alltag um das Kind kümmern. Julia Stoll, Kinder- und Jugendtherapeutin in Korntal, kennt die Problematik von einigen ihrer kleinen Patienten. Sie therapiert in ihrer Praxis Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung, ihres auffälligen oder aggressiven Verhaltens nicht mehr in den Kindergarten oder in die Schule gehen dürfen. „Oft ist es die einzige Alternative, damit nicht alle Beteiligten untergehen“, ergänzt sie. Zurück blieben Frustration, Wut und Enttäuschung, vor allem bei den betroffenen Kindern und deren Eltern.
Eine ambulante Psychotherapie könne helfen, damit Kinder Zugang zu ihren Gefühlen fänden und sich besser selbst regulieren könnten. „Aber der Alltag des Kindes muss auch stabilisiert werden“, sagt Stoll. Einen Integrationshilfe findet sie dafür sehr wichtig. „Aber eine Integrationskraft einzusetzen, ist mangels Personal nur selten möglich – selbst wenn Anträge bewilligt wurden“, so ihre Erfahrung.
Manche Kinder werden komplett abgehängt
In ihrer Praxis hatte sie einen kleinen Jungen, dessen Eltern vor seiner Geburt nach Deutschland gezogen waren. Als er mit dreieinhalb in den Kindergarten kam, sprach der Junge kaum Deutsch, fiel ständig auf und hielt sich nicht an Regeln. Nach drei Monaten sei das Personal im Kindergarten so überfordert gewesen, dass er ausgeschlossen wurde, berichtet Stoll. Der Kindergarten stellte dann eine Integrationskraft für den Jungen in Aussicht. Doch die Begleitung wurde immer wieder verschoben, wodurch ihm viel Zeit verloren ging. „Die Chance, dass er bis zum Schulbeginn seine sozialen Fertigkeiten aufholen kann, sind gering“, sagt Stoll.
Claudia Brenner, Leiterin des Fachbereichs Inklusion der AWO in Ludwigsburg, erhält täglich E-Mails von verzweifelten Eltern, deren Kinder nicht mehr zur Schule gehen können oder die im Schulalltag nicht klarkommen, andere hätten starke Schulängste, und manche Kinder bräuchten dringend einen Klinikaufenthalt zur Abklärung einer Diagnose. „Wenn es keine Diagnose gibt, wird kein Integrationshelfer bewilligt“, sagt Brenner.
Claudia Brenner von der Awo bekommt viele E-Mails von verzweifelten Eltern. Foto: privat/Awo Ludwigsburg
Der Bedarf an Integrationskräften steige immens. Die größte Gruppe sind laut Brenner Kinder mit ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen, aber auch Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie oder welche, die mit sechs Jahren noch gar nicht schulreif sind. Für das aktuelle Schuljahr hat sie im Landkreis Ludwigsburg 85 Kinder, die Unterstützung in der Schule erhalten, und 20 neue Helfer eingestellt. 70 Anfragen seien noch offen.
In ihrem Landkreis benötigen aber weit mehr Kinder Unterstützung. „Insgesamt ist es ein Riesenproblem“, sagt Brenner, „auch mit Kindern, die gar nicht beschult werden können.“ Wenn die Kinder sehr aggressiv sind, „sagen viele Rektoren, der Schutz der anderen Kinder geht vor“. Zudem benötigten viele Kinder therapeutische Unterstützung, eine Integrationshilfe im Schul- oder Kindergartenalltag sei ohnehin nur eine Notlösung. „Damit löschen wir nur die Brände“, sagt Brenner.
Veränderungen im Schulsystem würde es für die Kinder besser machen
Regelschulen versuchten zwar, inklusiv zu arbeiten, könnten aber keinen eigenen Lehrplan für Kinder mit Behinderungen und psychischen Krankheiten erstellen. Diese Kinder kämen dann nicht mit und würden so noch mehr frustriert. Viele Kinder hätten einen sonderpädagogischen Bedarf, aber Eltern würden ihre Kinder ungern in ein SBBZ schicken. „Dabei ist das Schulsystem durchlässig, das wissen viele Eltern nur nicht“, ergänzt Brenner.
Sie sieht die Notwendigkeit für Veränderungen im Schulsystem: mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen mit zwei Lehrern und multiprofessionelle Teams. „Dann gäbe es viele Probleme nicht. Bisher denkt man: Die Kinder sollen halt funktionieren“, sagt Brenner.
Susanne Köhler hat bei ihrem jüngsten Sohn Rafael vieles anders gemacht. Rafael sei anfangs ja noch umgänglicher gewesen. „Als es bei Jakob besser lief, hat er aber aufgedreht“, erzählt Köhler. Daraufhin gingen sie direkt wieder in die Klinik am Bodensee. Auch bei ihm wurde nun definitiv eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert.
Beim zweiten Kind lief vieles besser
Köhler meldete Rafael von Beginn an in einem anderen Kindergarten an. „Dort gab es viel Verständnis für ihn, alle kümmerten sich sehr“, sagt sie. Deshalb konnte Rafael ohne Begleitung starten. Die Erzieherinnen seien viel zugewandter gewesen. So hatte Rafael anfangs einen Garderobenplatz mittendrin. Das überforderte ihn aber, weshalb ihm schnell einer am Rand gegeben wurde. Auch durfte er sich vor oder nach den anderen Kindern anziehen, weil es ihm sonst zu viel Trubel war.
In der Grundschule war Rafael auch auf der Johannes-Kullen-Schule, seit September ist er auf dem Gymnasium. Köhler war klar, dass Rafael es nur mit einer Integrationshilfe schaffen würde. Das Jugendamt genehmigte ihm sogar die volle Schulstundezahl. Seine ersten Wochen verliefen sehr gut, er fühle sich richtig wohl dort. „Bei unserem Großen hat vieles nicht funktioniert, weil wir nie die richtige Hilfe hatten“, sagt Köhler.