Psychische Belastung am Arbeitsplatz Wenn die Arbeit zur Last wird

Immer mehr Berufstätige fühlen sich am Arbeitsplatz erhöhten psychischen Belastungen ausgesetzt – die Ursachen sind vielfältig. Foto:  

Die Zahl der Krankentage wegen psychischer Probleme am Arbeitsplatz ist auf Rekordniveau gestiegen. Über die Gründe und Rezepte streiten die Gewerkschaften mit den Arbeitgeberverbänden seit Jahren. Auch deshalb kommt die Politik kaum voran.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Was ist nur in der Arbeitswelt los? Immer vielstimmiger werden die Klagen über den Druck, der vielen Menschen aufs Gemüt schlägt. Die Entgrenzung der Arbeitszeiten, die Informationsüberflutung, der Anspruch auf Omnipräsenz und die Sorge vor Jobverlust durch neue Technologien – all die Stressfaktoren scheinen die Beschäftigten krank zu machen. Binnen zehn Jahren hat sich laut dem Bundesarbeitsministerium die Zahl der Fehltage wegen psychischer Probleme auf 107 Millionen mehr als verdoppelt.

 

An der Uni Augsburg wurde jüngst die wohl erste umfassende Studie zur Wirkung neuer Technologien veröffentlicht – mit dem Resultat, dass „digitaler Stress“ über alle Regionen, Branchen, Tätigkeiten und demografischen Faktoren hinweg feststellbar ist. Am stärksten tangiert seien die 25- bis 34-jährigen Arbeitnehmer. Übermäßiger digitaler Stress löse eine deutliche Zunahme gesundheitlicher Beschwerden aus, schreiben die Autoren. Demnach leidet mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer, die sich diesem Zustand ausgesetzt sehen, unter Rückenschmerzen, Kopfschmerz und Müdigkeit. Die berufliche Leistung werde dadurch nachweislich verringert.

DGB sieht Folgen von Stress im Job eindeutig belegt

Es gebe „eindeutige Befunde“ aus Studien, Beschäftigtenbefragungen und Krankenkassenzahlen, wonach wachsender Druck am Arbeitsplatz die Gesundheit beeinträchtigt, sagt Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Der DGB habe nie behauptet, dass psychische Erkrankungen auf eine einzige Ursache zurückzuführen seien, doch habe sich die Belastungssituation verschärft. Der digitale Wandel forciere diesen Trend bis hin zum Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber neuen Technologien. „Trotz aller Verheißungen des mobilen Arbeitens haben sich die Versprechungen der Digitalisierung bisher nicht erfüllt.“ Die Behauptung der Wirtschaft, dass die Erkrankungen generell lebensweltgeprägt seien, „ist da ziemlich hilflos“.Dennoch beschuldigt Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber Baden-Württemberg, die Gewerkschaften, zur „Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung“ beizutragen. „Fakt ist, dass psychische Erkrankungen in den letzten Jahren nicht zugenommen haben“, betont er. „Dies belegen verschiedene wissenschaftliche Studien.“ Richtig sei vielmehr, dass sie heute besser diagnostiziert und behandelt würden. „Und es wird offener mit ihnen umgegangen – was die Hauptursache dafür ist, dass die Fallzahlen zugenommen haben.“

Arbeitgeber halten Arbeit für gesundheitsfördernd

Psychische Erkrankungen würden vor allem in der Arbeitswelt sichtbar. „Falsch ist der Umkehrschluss, dass sie überwiegend auf die Arbeitsbedingungen zurückzuführen sind.“ Sie hätten stets multikausale Ursachen, und tatsächlich lägen diese zunehmend im persönlichen Umfeld und Verhalten des Beschäftigten. Einem Bericht der Bundesregierung zufolge seien auch die psychischen Anforderungen keineswegs gewachsen, sagt Dick. „Arbeit hat vielmehr grundsätzlich eine gesundheitsförderliche Wirkung, weshalb Berufstätige deutlich seltener an psychischen Erkrankungen leiden als Arbeitslose oder Nichtberufstätige.“

Buntenbach wendet ein, wenn alles in Ordnung wäre, gäbe es nicht die erheblichen Anstrengungen wie zum Beispiel die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie – eine Plattform von Bund, Ländern und Unfallversicherungsträgern, die sich in Abstimmung mit den Sozialpartnern insbesondere den Fragen der psychischen Gesundheit verschrieben hat. Damit wurde das Beratungsangebot für die Betriebe in den vergangenen Jahren verbessert. Das Problem sei: „Faktisch wird die psychische Gesundheit trotz der gravierenden Folgen für Mensch und Wirtschaft in der Breite noch immer sträflich vernachlässigt.“Daher fordert der DGB seit Jahren eine Anti-Stress-Verordnung. Vieles werde lediglich auf dem Niveau von Empfehlungen versucht, moniert Buntenbach. „Ich will ja nicht sagen, dass nichts passiert ist, aber im Ergebnis machen genauso wenig Unternehmen – nicht einmal ein Viertel – eine Gefährdungsbeurteilung zur Psyche wie vor fünf Jahren.“ Folglich brauche man mehr Verbindlichkeit in der Umsetzung. Dazu gehören für sie Kontrollen und Sanktionen. Die Arbeitsschutzbehörden seien jedoch personell massiv abgebaut worden – ein Betrieb werde, wenn überhaupt, nur ein- bis zweimal pro Generation überprüft. „Die Politik muss die Ziele auch durchsetzen wollen und dafür die notwendigen Instrumente und ausreichend Personal bereitstellen“, drängt sie.

Es mangelt an Kontrollen und Sanktionen

Die Bundesregierung sieht vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht. Gegen psychische Belastungen würden keine neuen Arbeitsschutzregeln helfen, so das Arbeitsministerium. Betriebe und Beschäftigte müssten das vorhandene Instrumentarium ausnutzen. Schon 2013 hatten der DGB und die Arbeitgebervereinigung BDA mit dem Ministerium eine gemeinsame Grundsatzerklärung zur psychischen Gesundheit verfasst. Auf den für 2018 vereinbarten Runden Tisch wartet der DGB noch immer. „Das Thema darf nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden“, betont Buntenbach.

Dick kontert, die Arbeitgeber seien „sehr engagiert dabei, arbeitsbedingte psychische Erkrankungen zu vermeiden“. Verpflichtungen der Arbeitsstättenverordnung oder des Arbeitsschutzes wie die Gefährdungsbeurteilungen würden umgesetzt. Zudem würden viele Angebote zur betrieblichen Gesundheitsförderung gemacht. „Mindestens genauso wichtig ist die Eigenverantwortung.“ Jeder Beschäftigte könne aktiv dazu beitragen, seine psychische Gesundheit zu erhalten. Weitere Regelungen halten die Arbeitgeber für unnötig. Die geforderte Anti-Stress-Verordnung suggeriere, man könne Stress gesetzlich verbieten. „Tatsächlich würde sie die Leistungsfähigkeit der Betriebe im internationalen Wettbewerb einschränken.“

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