Matthias Laukenmann fühlt sich in der Regel besser, wenn er Sport treibt und beispielsweise aufs Rad steigt. Foto: Werner Kuhnle/
Bei Matthias Laukenmann aus Marbach wurde die Krankheit vor 20 Jahren diagnostiziert. Gerade durchlebt er wieder einen Schub. In solchen Phasen kann selbst das Aufstehen für ihn zur Qual werden.
Christian Kempf
06.04.2025 - 10:00 Uhr
Nahezu alle neutralen Beobachter hätten die Diskussion in der Ratssitzung kurz vor Weihnachten wahrscheinlich als hart, aber fair eingestuft. Für Matthias Laukenmann geriet jedoch innerlich eine Welt aus den Fugen. Er war plötzlich wie in einem Tunnel. Die Argumentationslinie der meisten anderen Redner im Marbacher Gemeinderat war ihm viel zu kurz gedacht und irritierte ihn. „Damit kann ich nicht umgehen“, sagt er. Selbstzweifel begannen an ihm zu nagen. Laukenmann war getriggert. Er hatte einen Schub.
Vor etwa 20 Jahren wurde bei dem gebürtigen Stuttgarter eine Depression diagnostiziert. Mit der Erfahrung von heute erkennt er aber Anzeichen, die auf einen viel früheren Beginn der heimtückischen Krankheit hindeuten. Er war Anfang 20, als er mit seiner Frau in den Skiurlaub nach St. Moritz aufbrach. Das Wetter war prächtig, das Setting also fast perfekt. Vor Ort war aber nicht daran zu denken, die Pisten hinunterzuwedeln. Die Gattin entwickelte eine Sonnenallergie. „Ich bin damals völlig zusammengebrochen“, sagt er.
Abschied mit bewegenden Worten
Matthias Laukenmann hat folglich eine gewisse Routine im Umgang mit der Schwermut und zog nach Rücksprache mit seiner Familie und Freunden die Konsequenzen aus dem Vorfall im Gemeinderat. „Es war klar, dass ich einen Cut machen muss. Alle haben gesagt: Entweder du änderst die Leute oder du musst da raus. Und dass ich die Personen nicht ändern kann, ist ja klar“, erklärt der Marbacher. Der 63-Jährige reichte seinen Rücktritt ein. In bewegenden Worten verabschiedete er sich Mitte März nach nur wenigen Monaten aus dem Gremium.
Wie immer, wenn man Matthias Laukenmann zuhört, ahnt man nichts von seinem Seelenzustand. Er argumentiert scharfsinnig, ist reflektiert, lächelt ab und zu verschmitzt, trägt seine Anliegen souverän vor. „Ich bin auch weitgehend erholt“, sagt der pensionierte Professor der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Doch ganz ausgestanden sei die aktuelle Episode noch nicht.
Matthias Laukenmann macht sich für den Ausbau des Stadtmobil-Angebots stark. Foto: Archiv (KS-Images.de / Karsten Schmalz)/
Dabei hatte Laukenmann die vergangenen Jahre eine stabile Phase. Ein Antidepressivum hilft ihm, in keine allzu tiefen Täler abzurutschen. Mit den Gepflogenheiten in seinem beruflichen Umfeld war er vertraut. Er mied die Kollegen, deren Ton oder Art ihn verletzen könnten, pflegte Bekanntschaften mit jenen, die mit ihm auf einer Wellenlänge liegen. Seine Frau und Jugendliebe geht durch dick und dünn mit ihm. Zudem engagiert er sich im örtlichen Solarverein und kümmert sich erfolgreich um den Ausbau des Stadtmobil-Angebots. Es lief also, er stand kurz vor der Pension, fühlte sich 2024 bereit, für die Grünen für den Gemeinderat zu kandidieren, wurde auf Anhieb gewählt. „Ich wollte etwas auf den Weg bringen“, sagt Laukenmann.
Wie sich jetzt herausstellt, hatte sich der dreifache Vater damit doch übernommen. Ein handelsübliches Wortgefecht im Gemeinderat brachte ihn letztlich komplett aus dem seelischen Gleichgewicht. „Ich habe das als persönlichen Angriff erlebt“, konstatiert er. Für Laukenmann ist das ein gängiger Reflex. Zwischen Außen- und Selbstwahrnehmung herrscht ein meilenweiter Unterschied. Nach Vorlesungen hat er sich mitunter mit Vorwürfen gemartert, glaubte, den Studierenden ein völlig ungenügender Dozent zu sein. „Wenn ich Fahrradfahren gehe, denke ich als Erstes daran, dass die Bremse defekt sein könnte“, erklärt er.
Wer mit einem frohen Gemüt ausgestattet ist, kann sich wahrscheinlich kaum ausmalen, was Laukenmann vor 20 Jahren bei seiner wohl schlimmsten Episode durchmachte. „Schon das Aufstehen ist ein riesiger Kampf gewesen. Jede Aufgabe war eine Überforderung. Als das Deo aus war, war ich nicht in der Lage, mir ein neues zu kaufen“, erzählt er. Unglaubliche eineinhalb Jahre war er in einem tiefen Loch gefangen, umgeben von trüben Gedanken. „Nach Vorlesungen bin ich völlig erschöpft eingeschlafen. Danach war alles noch schlimmer.“
Trotz dieser höllischen Seelen-Qualen schleppte sich Matthias Laukenmann jeden Tag zur Arbeit. Der geregelte Ablauf verhinderte zumindest, dass die Selbstkasteiung noch dramatischere Züge annahm. Und irgendwann sah er doch wieder Licht am Ende des Tunnels. Laukenmann hält sich jedoch mit Ratschlägen für Frauen und Männer in ähnlicher Lage zurück. „Jeder muss einen eigenen Weg finden, damit umzugehen. Manche sind nach einer depressiven Episode geheilt, bei mir ist es ein wiederkehrender Verlauf“, sagt er.
„Medikamente machen einen nicht kaputt“
Ihm helfe es aber zum Beispiel in der Regel, Sport zu treiben. Wertvoll sei ferner die Lektüre des Buchs „Depressionen bewältigen“ von Ulrich Hegerl und Svenja Niescken gewesen. „Das hat mir gezeigt, ich bin nicht alleine mit dieser Krankheit“, sagt er. „Vor allem aber sollte man sich um professionelle Hilfe kümmern. Das ist erlaubt und kein Zeichen der Schwäche. Und Medikamente machen einen nicht kaputt. Sie verändern mich, aber im Guten“, erklärt er mit einem Lächeln. Und man hofft, dass das ein gutes Zeichen ist – und Matthias Laukenmann bald wieder den Tunnel verlässt.
Wer Hilfe bietet
Symptome Laut Uniklinik Freiburg leiden 16 bis 20 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben unter einer Depression. Charakteristische Symptome seien „eine niedergedrückte Stimmungslage oder emotionale Leere, Gefühle von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit, ein verminderter Antrieb, Schlafstörungen, Versagensgefühle sowie ein tiefgreifendes Gefühl von Erschöpfung“.
Telefonseelsorge Wer Hilfe braucht, kann sich rund um die Uhr anonym und kostenlos an die Telefonseelsorge unter den Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222 wenden. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet unter www.deutsche-depressionshilfe.de ein vielfältiges Angebot an Unterstützung für Betroffene.