Depressionen sind eine schwere psychische Krankheit. Dennoch gibt es einiges, was Betroffene tun können, um ihre Symptome zumindest zu lindern. Die psychologische Psychotherapeutin Sonja Unger hat dafür das Konzept der „inneren WG“ entwickelt.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Erschöpft, traurig, antriebslos, wenig Selbstvertrauen – eine Depression hat viele Gesichter. Immer mehr Menschen suchen wegen Depressionen ärztliche Hilfe. Laut der Deutschen Depressionshilfe leiden rund fünf Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Vor allem bei schweren Episoden ist oft eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie am sinnvollsten.

 

Eine Psychotherapie kann eine langfristigere Wirkung haben

Antidepressiva werden inzwischen millionenfach verschrieben, allerdings wächst auch die Kritik an den Mitteln. Oft haben sie starke Nebenwirkungen, oder es entstehen Absetzungssymptome, wenn Betroffene das Medikament wieder weglassen wollen. Während sie aber bei schweren Formen dringend angeraten sind – und in vielen Studien im Vergleich zu Placebos auch einen deutlichen Effekt zeigen –, greifen viele Psychiater bei leichteren oder mittelschweren Depressionen, nicht mehr zwingend gleich zum Rezeptblock, sondern empfehlen zunächst eine Therapie.

Eine Psychotherapie hat dann oft eine größere und auch langfristigere Wirkung. Das ist auch die leitliniengerechte Behandlung von Depressionen.

Betroffene können aber durchaus einiges selbst tun, um sich zu stärken. „Klar ist: Depressionen haben nichts mit persönlicher Schwäche zu tun“, sagt Sonja Unger (43). Die psychologische Psychotherapeutin hat kürzlich das Buch „Depressionen überwinden mit dem Konzept der inneren WG“ veröffentlicht. Teils hätten Betroffene genetische Vorbelastungen, teils rührt die Krankheit aus frühkindlichen Erfahrungen. „Vor allem die Bindungserfahrung ist etwas ganz Wichtiges“, sagt die Psychologin. Menschen, die eine sichere Bindung in der Kindheit durch ihr Umfeld erfahren hätten, seien in der Regel davon überzeugt: „Ich bin von Grund auf in Ordnung.“

Unsichere Menschen sind stärker gefährdet

Menschen mit unsicheren Bindungsmustern hingegen haben oft ein angepasstes Verhalten, orientieren sich oft an anderen, passen sich zu stark an – worunter ihre eigenen Bedürfnisse leiden. „Sie sind oft nicht bei sich“, sagt Unger. Und das kann – muss aber nicht – Depressionen im späteren Leben begünstigen.

Bei Ungers Konzept, das an die Schematherapie angelehnt ist, geht es vor allem darum, mit inneren Bildern zu arbeiten. Dafür hat sie eben die „innere WG“ erfunden: die Meckertante, der innere Schweinehund, die Antreiberin, die Kleine und die Erwachsene. So hätten zum Beispiel sehr perfektionistische Menschen die Bewältigungsstrategie „Ich strenge mich an, dann bin ich in Ordnung“ entwickelt. Oder sogar: „Ich bin nur in Ordnung, wenn ich perfekt bin.“ Unger sagt: „Aus der Psychotherapieforschung wissen wir, dass Menschen ihr Verhalten unter anderem dann nachhaltig verändern können, wenn sie eine Erkenntnis oder ein Problem auch emotional nachvollzogen haben.“ Nun ist Perfektion zum Beispiel ein Zustand, den man eigentlich nie erreicht. Besonders perfektionistische Menschen neigen daher eher dazu auszubrennen und dann in eine Depression zu rutschen. „Das geschieht vor allem dann, wenn es die einzige Strategie ist, die ich habe, um mein Selbstwertgefühl zu stärken“, betont Unger. Andere Bedürfnisse würden so untergehen.

Schicksalsschläge können eine Depression begünstigen

Auch negative Ereignisse im Leben oder Schicksalsschläge können eine Depression auslösen, wie der Verlust des Arbeitsplatzes, Trennungen oder der Tod eines geliebten Menschen. „Oft sind es auch mehrere kleinere Ereignisse, die sich kumulieren“, sagt Unger. Schlicht, weil wir dann eine größere Verletzlichkeit zeigen. Der alte Spruch „Was uns nicht umbringt, macht uns stärker“ trifft eben leider nur auf ganz wenige, psychisch sehr widerstandsfähige Menschen zu.

„Diese Verletzlichkeit tragen viele Menschen aber auch schon aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen in sich“, sagt Unger. Gerade dann kann es sehr hilfreich sein, sich mit diesen persönlichen Veranlagungen und auch den eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen – und alte, ungute Muster aufzulösen. „Dadurch kann man auch seine eigene Widerstandskraft stärken“, sagt Sonja Unger. Denn das Problem an einer Depression ist: Sie verstärkt Minderwertigkeitsgefühle und verursacht auch Scham- und Schuldgefühle. „Viele glauben dann: Ich bin ein Versager“, sagt Unger.

Nun haben die Mitbewohner unserer „inneren WG“ verschiedene Funktionen in unserem Leben. Sie können uns beschützen – vor weiteren unangenehmen Erfahrungen –, oder sie können uns vorantreiben. Das bedeutet, die innere „Antreiberin“ ist dafür da, dass wir Leistung bringen – weil wir irgendwann gelernt haben, dass wir gemocht werden, wenn wir Leistung bringen. Eine erwachsene Haltung dazu wäre wiederum zu erkennen, dass es auch in Ordnung ist, „Nein“ zu sagen. Oder: Ist es wirklich gefährlich für mich, wenn ich es tue? Oder wage ich ein Experiment und halte die Antreiberin somit in Schach? Gelingt dies, lassen sich Normen und Werte anpassen, und man findet zu einer „erwachsenen“ Haltung.

Nicht jeder kann Millionär werden

„Wichtig ist zu erkennen, dass wir uns mit diesen Teilen in uns auseinandersetzen müssen“, sagt Unger. „Wir können unseren Mitbewohnern nicht einfach den Mietvertrag kündigen.“ Letztlich geht es auch darum, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber was ist das genau? „Das heißt, dass ich erkennen kann, was ich fühle und wie ich auf meine Umwelt reagiere. Aber auch, wie ich mein Leben führe: Also mit was und wem umgebe ich mich“, sagt Unger.

Umgekehrt gehe es auch darum zu akzeptieren, dass wir nicht immer alles im Leben erreichen können und dass manche Dinge auch mal nicht gelingen können. „Nicht jeder kann eben Millionär werden“, sagt die Psychologin.

Selbstbewusstsein erlernen

Therapie
Die Schematherapie basiert auf den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und erweitert sie um erlebnis- und handlungsorientierte Vorgehensweisen. Mit einem Schema ist ein typisches Muster von Gefühlen, Gedanken und Empfindungen gemeint, die das Verhalten steuern. Dieses Muster wird in der Kindheit gelernt. Die Schemata dienen dazu, die wichtigsten psychischen Bedürfnisse (Grundbedürfnisse) eines Menschen zu befriedigen, etwa das Bedürfnis nach sicheren Bindungen, also zufriedenstellenden Beziehungen, oder das Bedürfnis nach Autonomie.

Studie
In einer Metastudie an der Universität Basel wurde untersucht, wie Selbstvertrauen und Depression zusammenhängen. Das Fazit der Analyse, die Daten von über 90 Studien berücksichtigte, lautet: Ein vermindertes Selbstwertgefühl kann die Anfälligkeit für Depressionen steigern. Dagegen sind Depressionen eher selten für ein geschwächtes Selbstwertgefühl verantwortlich. Deshalb raten die Experten der Universität Basel dazu, das Selbstwertgefühl langfristig zu fördern. (nay)