Psychische Störung Der schwierige Weg zurück in den Job

Psychische Erkrankungen führen dramatisch häufig zu sehr langen Krankschreibungen. Foto: dpa-tmn

Menschen mit psychischen Erkrankungen haben oft Schwierigkeiten, ihre Abeitsstelle zu behalten oder eine neue zu finden. Woran es hakt, und wo im Hilfesystem es dringend Unterstützung bedarf, erklären Mediziner und sozialpsychiatrische Berater.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Stuttgart - Da war dieser Patient, an den sich Matthias Weisbrod besonders gut erinnern kann: Ein netter, ruhiger Mann von Anfang 20, der eine Ausbildung als Erzieher gemacht hatte. Das Problem war seine autistische Störung: Er hatte Schwierigkeiten, die Gefühle anderer gut einzuschätzen und war überfordert in Situationen, die nicht dem gewohnten Tagesablauf entsprachen. „Mit zehn Kindern zu arbeiten, das ging einfach nicht“, sagt der Chefarzt der Psychiatrie am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Patrick verlor seinen Job.

 

Psychische Erkrankungen sind der dritthäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit

Es gibt viele solcher Geschichten, die Weisbrod erzählen kann. Als Chefarzt hat er mit Patienten zu tun, die an einer psychischen Erkrankung leiden – wie etwa Depression, Schizophrenie oder einer Persönlichkeitsstörung – und deswegen aus dem Arbeitsleben rausfallen. „Psychische Erkrankungen führen dramatisch häufig zu sehr langen Krankschreibungen“, sagt Weisbrod. Das zeigt auch eine Studie der Bundespsychotherapeutenkammer, die von der IHK Südwest im April veröffentlicht wurde: Demnach führten psychische Erkrankungen im Jahr 2013 zu rund 82 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen. Psychische Erkrankungen sind damit der dritthäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit – nach Muskel-, Skelett- und Atemwegserkrankungen. Und sie haben auch volkswirtschaftliche Folgen, denn jede zweite Frühverrentung wurde im Jahr 2013 durch psychische Erkrankungen verursacht.

Die Zahlen werden steigen, befürchten Experten, weil in vielen Unternehmen Menschen arbeiten, die eigentlich therapiert gehören, aber dennoch weiterarbeiten – aus Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren oder von Kollegen und Vorgesetzten ausgegrenzt zu werden, wenn sie zugeben, eine psychische Störung zu haben. Das sagt zumindest Matthias Weisbrod.

Wer einmal aus dem Arbeitsprozess rausfällt, findet nur schwer wieder hinein

Es braucht nicht viel, um eine akute Krise auszulösen, warnt Klaus Obert. „In vielen Branchen wird auf Flexibilität, Schnelligkeit und Leistung geachtet“, sagt der Landesvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie. Menschen, die psychisch erkrankt sind, kommen damit noch schwerer zurecht. Kommen dann noch private Krisen dazu wie eine kriselnde Ehe, halten es die Betroffenen nicht mehr bei der Arbeit aus, so die Erfahrung von Obert, der beim Caritasverband Stuttgart die Abteilung für Sucht- und Sozialpsychiatrische Hilfen leitet. „Und man bekommt sie nur schwer wieder in den Arbeitsprozess rein.“

Dabei wird die Arbeit von Experten bei psychisch labilen Menschen als Teil einer Therapie gesehen. So haben Betroffene, die einen Job haben, eine viel bessere Prognose als diejenigen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung krankgeschrieben worden sind.

Nur wenige Menschen sind auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig

Doch die Wiedereingliederung funktioniert schleppend. Nur wenige Menschen, insbesondere mit schweren psychischen Störungen, sind auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig, sagt Obert. Die meisten landen in sogenannten geschützten Bereichen – also in speziellen Werkstätten oder Integrationsfirmen. Oder sie werden zu Frührentnern. „Das soll nicht bedeuten, dass diese Lösungen generell schlecht sind“, sagt Obert. Zum einen dauern die Reha-Maßnahmen nach der Psychiatrie oft so lange, dass die Menschen dann ihren Job verloren haben. Zum anderen sollten die Menschen auch nicht wieder zurück in die Strukturen kehren, die ihnen schon vorher Probleme bereitet haben. „Man muss bei jedem Patient schauen: Was kann dieser tun?“ Manchmal helfe es in Teilzeit zu arbeiten, andere schulen um.

Der bürokratische Aufwand ist für den Einzelnen enorm

Grundsätzlich gibt es sozialpsychiatrische Hilfen wie Rehazentren oder Fachdienste, um Betroffenen beruflich wieder auf die Beine zu helfen, bestätigt der Chefarzt Matthias Weisbrod. Was allerdings vielen Betroffenen zu schaffen macht, ist der hohe bürokratische Aufwand: Häufig werden Betroffene zwischen Kranken- und Rentenversicherung hin- und hergeschoben. Und wenn ein Gutachter die Reha nicht als Erfolg versprechend bewertet, erhält man schnell einen Rentenantrag. Oder die Patienten landen wieder bei der Krankenkasse, weil sie andere Behandlungen bräuchten.

Der Psychiater Weisbrod erzählt von einer jungen Patientin mit einer Persönlichkeitsstörung, die in den SRH-Kliniken zur Therapie war. „Als sie ausreichend stabil für eine Berufsausbildung war, konnte sie diese nicht antreten, weil ein altes Gutachten der Rentenversicherung die Ausbildungsfähigkeit infrage gestellt hatte.“ Es war ein bürokratischer Kampf, das Dilemma aufzulösen.

Firmen müssen sich rechtlich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter kümmern – eigentlich

Auch Firmen stehen durch die psychische Erkrankung ihrer Mitarbeiter Schwierigkeiten bevor: Zwar müssen sie laut Gesetz ihrer Fürsorgepflicht für Mitarbeiter nachkommen. Gleichzeitig gibt es viele Vorurteile im Umgang mit psychisch Kranken. „Arbeitgeber brauchen eine Strategie, um mit Menschen umzugehen, die psychisch belastet sind“, sagt Weisbrod. Einige Vorreiter unter den Großunternehmen haben das erkannt: SAP hat sich eine feste Autisten-Quote gesetzt. Andere Unternehmen wie der Küchengerätehersteller Neff lassen sich von Psychotherapeuten wie Weisbrod und seinem Team beraten. Auch die AOK bietet Firmen ihre Unterstützung bei Prävention und Wiedereingliederungsmaßnahmen an.

Politik muss die Wiedereingliederungsmaßnahmen forcieren

Doch es braucht noch politische Unterstützung: „Die Hilfen müssen schlagkräftiger und niederschwelliger für den Patienten werden“, sagt Weisbrod. Der Psychiater hofft, dass die Wiedereingliederung irgendwann einmal zur betrieblichen Gesundheitsvorsorge gehört wie der Sehtest oder höhenverstellbare Schreibtische. Doch er weiß auch: Dazu braucht es noch viel Aufklärung: „Man glaubt immer, dass es psychisch Kranke nicht mehr gut ins Berufsleben schaffen“, so Weisbrod. Ein Irrtum: „Es klappt ebenso gut wie mit körperlich kranken Menschen.“ Zumindest wenn Betroffenen schnell geholfen werden kann, ergänzt Obert, denn auch für Arbeitnehmer mit Persönlichkeitsstörung gebe es Berufe. Weisbrods ehemaliger Patient Patrick hat sich umschulen lassen und arbeitet in einer Verwaltung. „Die sind dort sehr froh, jemanden zu haben, der den Überblick behält und Ordnung schafft.“

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