Psychologe zum Kindermord in Herne „Marcel H. wollte Aufmerksamkeit“

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Nach dem Mord in Herne sind viele Fragen offen – vor allem, was das Motiv des mutmaßlichen Täters betrifft. Der Psychologe Helmut Kury vermutet eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hinter dessen Verhalten.

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Stuttgart - Nach Einschätzung des Kriminologen und Psychologen Helmut Kury
beging Marcel H. die Straftat vorsätzlich.

Herr Kury, der mutmaßliche Täter – Marcel H. – hat sich mit seiner Tat im Internet gebrüstet. Was sagt das über einen Menschen aus?
Ein Kind von neun Jahren zu töten ist eine schreckliche Tat. Und wenn man das auch noch – mit Bild – ins Internet stellt, ist das schon sehr auffällig. Man könnte auf eine schwere pathologische Störung des Täters schließen. Andererseits zeigt sein souveränder Umgang mit dem Internet: Er muss eine gewisse Intelligenz oder Kapazität haben. Das wiederum deutet darauf hin, dass er eine narzisstische Komponente in seiner Persönlichkeit hat. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist diese Vermutung natürlich noch sehr spekulativ.
Sollte tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegen – was wollte Marcel H. mit dem Mord bezwecken?
Mit seiner Tat wollte der Täter Aufmerksamkeit erregen. So viel ich weiß, ist Marcel H. unter schwierigen Verhältnissen aufgewachsen; er war schon als Kind auffällig und galt als Außenseiter. Das könnte dazu beigetragen haben, dass er sich selbst als Benachteiligten, als Underdog erlebt hat. Mit dem Mord stellt er sich nun selbst in den Mittelpunkt, sagt gewissermaßen: „Schaut mal her, was ich da getan habe, was ich tun kann.“ Ähnlich ist es oft bei den Anhängern des IS. Die sind in ihrem Umfeld vielfach wenig anerkannt – und bekommen dann plötzlich eine positive Rückmeldung. Das ist natürlich für junge Leute – Marcel H. war erst 19 Jahre alt – sehr wichtig. Vielleicht hat er diese Rückmeldung nie erhalten – oder er hat das zumindest so erlebt. Und jetzt tut er etwas, um die Aufmerksamkeit zu bekommen – wenn auch im negativen Sinne. Die Leute müssen hinschauen. Sie können ihn nicht mehr übersehen.
Marcel H. soll mehrfach auf sein Opfer eingestochen haben. Was bedeutet dieses sogenannte Übertöten?
Wenn Marcel H. die Straftat vollbewusst begangen hat – das Nachbarskind in den Keller zu locken und mehrfach auf es einzustechen – spricht das für eine enorme Gefühlskälte. Jeder von uns hat normalerweise eine gewisse Tötungshemmung: Auf einen Wehrlosen schlägt man nicht ein. Marcel H. hat weitergemacht. Sehr wahrscheinlich hat er das Kind vorsätzlich getötet. Anders kann man sich das fast nicht vorstellen. Dabei war Jaden wohl ein Zufallsopfer: Mit ihm selbst hatte die Tat vermutlich nichts zu tun. Es hätte auch jeder andere Junge sein können.
Was bewegt einen Menschen dazu, einen anderen zu töten – statt zu versuchen, das eigene Leben in eine positive Bahn zu lenken?
Ich erstelle seit 1970 psychologische Gutachten. Ich habe noch nie einen Straftäter in Haft kennengelernt, der aus einer guten, funktionierenden Familie kommt. Das heißt umgekehrt nicht, dass jeder, der aus einer schlechten Familie kommt, straffällig wird. Marcel H.s Emotionslosigkeit hat aber wahrscheinlich sehr viel mit seiner Familie zu tun: Wie ist er erzogen worden, wie sind die Eltern – seine zentralen Bezugspersonen – mit ihm umgegangen? Ohne, dass ich auf die Familie jetzt irgendwelche Schuld abladen will. Vielleicht ist er gegenüber seiner Schwester benachteiligt worden. Vielleicht hat sich da eine Dynamik entwickelt; aus der er sich zurückgezogen und dafür seine eigene Welt aufgebaut hat. Weil er sich nicht akzeptiert fühlte. Aber darüber kann man zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren.

„Marcel H. muss abgestumpft sein“

Wenn sich jemand nicht akzeptiert fühlt, wird er nicht automatisch zum Mörder.
In dieser Welt, die Marcel H. sich wohl im Internet aufgebaut hat, wird er vermutlich solche Gefühle wie Hass, Ablehnung, Frustration gepflegt haben, sich in diese hineingesteigert haben. Und sie vielleicht auch über Gewaltvideos – man weiß es ja nicht – angereichert haben. Soweit, dass er letztlich zu dem Punkt kam, an dem er eine solche Tat überhaupt ausführen konnte. Marcel H. muss über die Zeit hinweg abgestumpft sein. Er hatte keinen Kontakt zu normalen Leuten, die ihn aus seiner Welt wieder herausgeholen konnten. Wäre er zum Beispiel in einem Sportverein gewesen, hätte er seine Wahrnehmung vielleicht korrigieren können. So wurden seine aggressiven Taten quasi vorgebahnt – er hat keine Handlungsalternative mehr gesehen.
Hätte Marcel H. noch weitere Taten begehen können, wenn man ihn nicht gefasst hätte?
Dass man darauf hingewiesen hat, als er noch auf der Flucht war, dass er gefährlich ist, fand ich völlig richtig. Man musste damit rechnen, dass er ein Messer dabei hat, dass er seine Tat unter Umständen wiederholen würde. Es ist ja so: Wenn man etwas einmal gemacht hat, fällt es leichter, es ein zweites Mal zu tun.
Warum hat Marcel H. sich nach einer dreitägigen Flucht nun der Polizei gestellt?
Das könnte mit seinem Narzissmus zu tun haben: Er will gesehen werden. Vielleicht hat er aber auch einfach die Ausweglosigkeit seiner Situation erkannt. Die Polizei hat immerhin mit einem Foto nach ihm gefahndet. Marcel H. hätte schon ins Ausland fliehen müssen, um komplett von der Bildfläche zu verschwinden.
Das Gespräch führte Melanie Maier



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