Psychologe zur Klima-Angst in Stuttgart „Das ist keine irrationale Angst“
Klimakrise und mentale Gesundheit – der Umweltpsychologe Gerhard Reese erklärt, woher Klima-Angst kommt und was gegen die Sorgen helfen kann.
Klimakrise und mentale Gesundheit – der Umweltpsychologe Gerhard Reese erklärt, woher Klima-Angst kommt und was gegen die Sorgen helfen kann.
Stuttgart - Dass Menschen angesichts der Klimafolgen Ängste entwickeln, ist für den Umweltpsychologen Gerhard Reese kein seltenes Phänomen. Ein Hauptgrund für Klima-Angst ist seiner Ansicht nach: Einzelpersonen haben kein mentales Skript, um die Krise zu lösen. Nur kollektive, systemische Lösungen werden Erfolg bringen.
Hoffnungslosigkeit, Demotivation und Erschlagenheit, wenn man an den Klimawandel denkt: Klingt das für Sie nach Klima-Angst?
Zumindest nach ernst zu nehmenden Sorgen. Man könnte es auch Furcht oder Enttäuschung nennen. Angst ist übrigens eine natürliche und wichtige Emotion. Ohne sie würden wir Gefahren nicht erkennen und wären nicht überlebensfähig. Haben wir jedoch ständig Angst, ist unser Alarmsystem im Dauerstress; und das ist nicht gesund.
Ist Klima-Angst aus psychologischer Sicht eine natürliche Reaktion angesichts der Klimakrise?
Absolut. Es handelt sich hierbei schließlich nicht um eine irrationale Angst, wie etwa, zumindest in Deutschland, die Angst vor Spinnen. Die Konsequenzen werden uns dank der Klimaforschung immer klarer und das öffentliche Bewusstsein steigt. Je mehr man sich dann mit dem Themenkomplex beschäftigt, desto allgegenwärtiger wird die Klimakrise im Alltag.
Was unterscheidet den Klimawandel von anderen Gefahren wie Kriegen oder Armut?
Erstens ist die Klimakrise keine regional begrenzte Krise, sondern betrifft den ganzen Planeten. Und zweitens ist die Klimakrise etwas völlig Neues für die Menschheit. Eine Situation wie diese gab es zuvor noch nicht. Wir haben also kein mentales Skript, keinen Fahrplan, um auf Probleme und Gefahren zu reagieren. Das kann natürlich Hoffnungslosigkeit und Angst schüren. Drittens ist die Klimakrise ein kollektives Problem. Wir müssen akzeptieren, dass wir nur zusammen eine Wende schaffen können, alleine sind wir nahezu machtlos.
Ist es für die heranwachsende Generation schwieriger, ihren Platz in der Welt zu finden? Generationsbezogene Probleme gibt es schließlich immer.
Jede neue Generation steht besonderen Herausforderungen gegenüber und mit jedem Jahrzehnt wird unsere Welt komplexer. Zu jeder Zeit stehen vielfältige Entscheidungsmöglichkeiten offen, zumindest für jene, die es sich leisten können. Das bietet zunächst natürlich Chancen und Freiheiten. Sind Menschen dann aber mit den Gefahren der Klimakrise konfrontiert, geraten Träume und Pläne ins Wanken. Und da kommt dann wieder die Angst ins Spiel.
In einer ihrer Studien konnten sie zeigen, dass jene, die Klima-Angst empfinden, sich eher engagieren.
Ja, da gibt es einen Zusammenhang. Aktivismus ist sicherlich ein guter Weg, um Klima-Angst zu begegnen. Als Community haben wir schließlich den größten Impact und können gemeinsam unseren Ängsten und Forderungen Gehör verschaffen. Aber nicht jeder muss Angst empfinden, um seinen Lebensstil zu verändern. Bewusstsein und Wissen sind eine Grundlage.
Wie können Menschen damit umgehen, wenn sie von negativen Gefühlen oder sogar von Klima-Angst übermannt werden?
Man kann sich bewusst machen, dass diese Angst rational ist und man mit dieser Sorge nicht allein ist. Noch haben wir ja eine Chance, etwas zu ändern! Das Wichtigste ist auch hier, soziale Unterstützung zu suchen, mit anderen darüber zu sprechen, vielleicht auch an der einen oder anderen Stelle extreme Anforderungen an sich selbst abzulegen. Überforderung hilft niemandem. Bei Gefahr von Burn-out sollte man sich professionelle Hilfe suchen.
Was ist mit jenen, die keine Sorgen haben und sich nicht in der Verantwortung sehen? Wie kann man diese Menschen erreichen?
Welche Ängste Menschen empfinden und wie sehr sie sich in der Verantwortung sehen zu handeln, hängt auch von individuellen Interessen, dem eigenen Wissen und dem sozialen Umfeld ab. Ich denke, wir müssen uns frei von dem Gedanken machen, alle erreichen zu wollen. Nicht jeder wird ein klimafreundliches Leben führen wollen; und auch können. Generell ist auch wichtig, dass die Klimawende keine individuelle Aufgabe ist. Wir selbst können durch unseren Konsum und unser Wahlverhalten zwar Einfluss nehmen. Was wir aber brauchen sind systemische Veränderungen.
Der Umweltpsychologe
Zur Person
Gerhard Reese forscht an der Universität Koblenz-Landau unter anderem zu nachhaltigem Verhalten, Umweltgerechtigkeit und sozialer Ungerechtigkeit. Im seinem „Klima-Lebenslauf“ listet er aus Transparenzgründen alle seine forschungsbezogenen Flugreisen auf.