Psychologie-Ausstellung in S-West Besucher hinter Gittern

Von Benjamin Schieler 

Den Umgang mit psychologischen Themen für Jedermann lehrt die neu gegründete Stiftung Psyche. Die neue Einrichtung unweit des Hölderlinplatzes richtet sich an Jedermann.

Fred Christmann Foto: Benjamin Schieler
Fred Christmann Foto: Benjamin Schieler

S-West - Die Diagnose war drastisch. Krank sei sie, die Gesellschaft, krankhaft die Menschen, die in ihr leben, behauptete der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm. Das ist bald 60 Jahre her. Richtig in der Öffentlichkeit angekommen sind Diskussionen über psychische Erkrankungen und Erschöpfungsbilder aber erst vor wenigen Jahren. Die in der vergangenen Woche eröffnete Stiftung Psyche, Johannesstraße 75, gibt Einblicke in die menschliche Seele und will den Umgang mit Symptomen lehren.

Die Frage ist unter Experten umstritten: Gibt es heute mehr Menschen, die unter Burn-out und ähnlichen Syndromen leiden, oder nur mehr Menschen, die darüber offen reden? Fred Christmann sitzt zwischen den Stühlen. Der Psychologe warnt vor ungesunden Mechanismen des heutigen Stadtlebens, vor chronischem Stress und permanenter Überanstrengung. Viele Menschen hätten verlernt, nein zu sagen. „Aber es gibt heute nicht mehr Kranke als früher.“ Nur das Bewusstsein sei eine anderes.

Kurse zur Selbstsicherheit und Fitness

Christmann hat die Entwicklung hautnah miterlebt. 1980 war er in Stuttgart Mitbegründer des ersten Instituts für die Verhaltenstherapie im deutschsprachigen Raum. Das Zentrum für Psychotherapie Stuttgart (SZVT) ist Ausbildungs- und Behandlungsstätte. Aus ihm und aus der ebenfalls auf Christmann zurückgehenden Gerhard-Alber-Stiftung wuchs der gemeinnützige Verein Stiftung Psyche.

Die neue Einrichtung unweit des Hölderlinplatzes richtet sich an Jedermann. Es werden Kurse angeboten zur Selbstsicherheit sowie zur geistigen und körperlichen Fitness, Vorträge oder Stadtspaziergänge auf die Karlshöhe, auf denen Christmann psychologische Themen und Entwicklungen anreißt. Das Projekt „Mein Ding AG“ zeigt Jugendlichen Konsequenz und Durchhaltevermögen. In drei Monaten sollen sie ein selbstgestecktes Ziel erreichen. Auch Paare in Beziehungskrisen können sich beraten lassen. Die Öffnungszeiten der Stiftung sind montags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, zum Start gibt es in dieser Woche noch zwei kostenlose Vorträge am Dienstag- und Donnerstagabend über die „Kunst der Veränderung“ sowie Möglichkeiten zur Bewältigung von Stress und Burn-out.

„Alles hängt mit allem zusammen“

Herzstück der Einrichtung ist die Dauerausstellung „Brechungen der Seele“, für die Gruppen oder Schulklassen Führungen buchen können. Mehrere zwei- bis dreiminütige Filme informieren in ihr über bahnbrechende psychologische Studien zu menschlichen Verhaltensweisen. Ein Höhepunkt: der Miniknast, bestehend aus einer Zelle, in der sich die Besucher erzählen lassen können, wie das Stanford-Prison-Experiment 1971 ausartete. Versuchspersonen waren damals nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt worden: Gefangene und Wärter. „Die Macht der Situation“ führte zum Nervenkrieg der Gruppen, zur Gewalteskalation und zum Abbruch des Versuchs.

Glück, Angst, Konformität, Autorität, Persönlichkeit, Geschlechterrollen und Work-Life-Balance sind weitere Themen der Ausstellung. Für Christmann bieten die Informationen an den Lerninseln eine Chance zu mehr Achtsamkeit. „Alles hängt mit allem zusammen“, sagt der Psychologe. Und die Grenzen zwischen krank und gesund seien manchmal fließend.

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