Psychologie Die ungeheure Kraft der Kränkung

, aktualisiert am 14.05.2023 - 08:00 Uhr
Wenn andere nur über uns tuscheln, fühlen wir uns sehr gekränkt. Doch mit Kränkungen besser umzugehen, kann man lernen. Foto: imago/imagebroker/imago stock&people

Kränkungen haben eine ungeheure Kraft. Viele Menschen schleppen ein Leben lang Demütigungen und Verletzungen mit sich herum, die ihnen durch andere Menschen widerfahren sind. Aber wie lassen sich Kränkungen überwinden? [Archiv]

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Der Partner, der nie im Haushalt hilft. Die Mutter, die sich in der Kindheit nicht richtig gekümmert hat oder die Kollegin, die einen immer vor dem Chef schlechtmacht. Wir alle erfahren Kränkungen im Leben. Tatsächlich vergeht kein Tag, an dem wir nicht von anderen gekränkt oder verletzt werden. Wer sich gekränkt fühlt, reagiert eingeschnappt, ist beleidigt mit der anderen Person, straft sie mit Ignoranz ab oder sinnt im schlimmsten Fall auf Rache. „Kränkungen sind eine menschliche Interaktion, ein Gefühl“, sagt der österreichische Psychiater Reinhard Haller. Manchmal sind es objektiv nur Kleinigkeiten, ein falsches Wort über die neue Frisur oder ein schiefer Blick.

 

Die Erschütterung des eigenen Ichs

Für Kränkungen gibt es bislang keine wissenschaftliche Definition in der Psychologie. Haller bezeichnet sie als „Erschütterungen des Ichs und der eigenen Wertewelt“. Sprüche oder Taten von anderen treffen uns ins Mark, wenn sie unseren sensiblen Punkt erwischen, nicht verheilte Wunden wieder aufreißen. „Letztlich geht es immer um den Selbstwert“, sagt Haller. Häufige, tiefe Kränkungen können das ganze Leben von Betroffenen beeinflussen. Sie grübeln viel, drehen sich rund um die Uhr um die Kränkungen, schlafen schlecht und bekommen psychosomatische Symptome. Hildegard von Bingen sagte bereits: „Was kränkt, macht krank.“

In den amerikanischen Studien „Forgiveness, physiological reactivity and health: the role of anger“ der Universität East Carolina sowie „Forgiveness, Stress and Health: a 5-Week Dynamic Parallel Study“ der Universität Kalifornien haben Psychologen untersucht, welche Auswirkungen Kränkungen auf Menschen haben können. Das Ergebnis ist nicht überraschend: Unversöhnlichkeit kann Stress erzeugen und Menschen auf Dauer krank machen. Anhaltende Wut oder gar Rachegedanken wirken sich negativ auf das Herz, den Blutdruck und das Immunsystem aus. Auch das Risiko für Depressionen, Herzkrankheiten oder Diabetes steigt.

Und umgekehrt fanden die Forscher heraus: Wer sich leichter tut, Menschen, die ihn verletzen oder kränken, zu verzeihen, leidet seltener unter Stresssymptomen wie Nervosität und Schlaflosigkeit, auch Kopf-, Magen- und Rückenschmerzen treten seltener auf. Auch der Blutdruck kann wieder sinken.

Kränkungen können mitunter eine zerstörerische Kraft auslösen. Jugendliche, die einen Amoklauf begehen, tun dies häufig aus erlittenen Kränkungen. Sie wollen es all denen heimzahlen, die sie verletzt haben. „Viele Verbrechen, auch Kriege, werden durch tiefe Kränkungen ausgelöst“, sagt Haller. Auch dem aktuellen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine seien Kränkungen vorausgegangen. „Die Kränkungen eines narzisstischen Machthabers“ seien häufig in der Geschichte zu finden, sagt der Psychiater.

Eine Kränkung spiegelt uns auch immer unsere wunden Punkte

Nun haben wir wenig Einfluss darauf, ob und wie oft andere Menschen uns kränken. Was können wir also selbst tun? „Reflektieren, darüber sprechen“, rät Haller. Auch helfe es, seine eigene Vergangenheit zu durchforsten: Habe ich etwas Ähnliches in der Kindheit erfahren? Ist die Person wichtig für mein Leben? Was ist wahr an der Kränkung? „Eine Kränkung ist immer ein Spiegel für einen selbst“, sagt er. Aber man dürfe auch nicht alles auf die Goldwaage legen.

Nun gibt es Menschen, die sind generell sehr kränkbar, oft liegt dies an einem schwachen Selbstwertgefühl, schlechten Erfahrungen im Leben, manchmal auch an einem sehr sensiblen Naturell. Manche wollen aber auch mit einem ständigen Beleidigtsein Macht über andere ausüben. Haller nennt sie etwas salopp „Gerechtigkeitsnarzissten“ oder schlicht Querulanten. Sie seien häufig auf der Suche nach jemandem, dem sie die Schuld an all ihrem Leiden geben können. Für sie gilt laut Haller auch: Die Kränkung ist zwar schlimm, aber schlimmer ist, dass der andere sich einfach nicht entschuldigt!

Wer Kränkungen in eine schöpferische Kraft umwandelt, tut sich leichter

Künstler sind häufig sehr kränkbare Typen. „Aber manchen von ihnen gelingt es, ihre Kränkungen zu kompensieren, indem sie etwas Großartiges erschaffen“, so glaubt Haller. Nun ist nicht jeder von uns der nächste Michelangelo oder Robert Schumann, der aus einer Verletztheit heraus kurz ein unvergessliches Gemälde erschafft oder eine Oper komponiert. Was aber auch hilft: Gelassenheit. „Wenn man dem anderen verzeihen kann, verzeiht man auch sich selbst“, sagt Haller. Gelassen sein, das ist für viele leichter gesagt als getan. Dennoch lohnt es, sich darin zu üben. „Unbewältigte Kränkungen können dazu führen, dass wir uns von den Menschen generell zurückziehen und zu einem ‚Menschenhasser‘ werden“, schreibt die Psychologin Doris Wolf in ihrem Buch „Ab heute kränkt mich niemand mehr“.

Aber, was wollen wir erreichen, indem wir anderen Menschen nicht verzeihen? „Wenn wir negative Erfahrungen nicht loslassen, dann wollen wir damit etwas bezwecken: Wir wollen unser Gegenüber für sein Verhalten belehren und bestrafen“, schreibt Wolf. Dabei heißt jemand anderem zu verzeihen keineswegs, dass wir sein Verhalten billigen oder ihm recht geben. Es bedeutet eigentlich nur, dass wir unseren Frieden wieder finden. „Wenn wir es schaffen zu verzeihen, dann zeigen wir Rückgrat und Stärke. Wir machen uns innerlich unabhängig von der Bewertung und dem Verhalten des anderen“, so Wolf. Wer verzeiht, der ist wieder frei.

Wer dem anderen verzeiht, ist wieder frei

Aus verschiedenen Gründen sind Menschen in den letzten Jahrzehnten laut verschiedener Studien anfälliger für Kränkungen geworden. Viele sehen vor allem soziale Netzwerke als Auslöser dafür an. Wir kommunizieren darüber mit sehr viel mehr Menschen – und laufen statistisch gesehen auch mehr Gefahr, jemand zu kränken oder gekränkt zu werden. Auch erwarten in modernen westlichen Gesellschaften Menschen heute eine gleichwertige Behandlung, dieser Wunsch wird aber vor allem bei Minderheiten noch immer nicht erfüllt. Das verletzt das Gerechtigkeitsempfinden von vielen Menschen. Aber genau aus diesen Demütigungen und Kränkungen heraus können Gegenbewegungen entstehen, die den Finger in die Wunde legen und fragen: Wie wollen wir als Gesellschaft leben? Wo sind unsere Schwachstellen?

Und aus dieser Energie heraus, kann dann auch etwas Positives entstehen, wie zum Beispiel aus der Frauen – oder der Klimabewegung, sagt Reinhard Haller.

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