Psychologie: Die Kunst, Widersprüche auszuhalten „Oft neigen wir dazu, recht haben zu wollen“

Die Psychologin Nesibe Kahraman plädiert dafür auch mal zu sagen: „Ich weiß es doch auch nicht.“ Foto: PR/Jaqui Dresen

Zwischentöne oder Diskrepanzen auszuhalten scheint in gesellschaftlichen Debatten schwieriger zu werden. Die Psychologin Nesibe Kahraman zeigt in ihrem aktuellen Buch „Alles, was dazwischen liegt“, wie Menschen lernen können, innere Widersprüche und Mehrdeutigkeiten auszuhalten.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Darf ich mein Essen genießen, wenn parallel Kinder verhungern? Darf ich in den Urlaub fliegen, wenn es dem Klima schadet? Die Psychologin Nesibe Kahraman aus Berlin erklärt im Interview, wie wir mit Widersprüchen in unserem Alltag umgehen können und warum starre Meinungen gesellschaftlichen Debatten schaden. Dafür benötige es, Ambiguitätstoleranz. Diese helfe, im Austausch miteinander zu bleiben.

 

Frau Kahraman, Sie betonen die Bedeutung der Ambiguitätstoleranz für das gesellschaftliche Miteinander. Was ist das genau?

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit und Unsicherheit auszuhalten. Das kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, gesellschaftliche und politische Gräben zu überwinden, besonders in polarisierten Zeiten. Menschen, die diese Fähigkeit besitzen, sind offener für verschiedene Meinungen und Ansichten, ohne sofort abwehrend zu reagieren oder ihre eigene Meinung zu ändern.

Ambiguitätstoleranz klingt etwas abstrakt. Haben Sie ein anschauliches Beispiel?

Ja, ich erzähle in meinem Buch eine Geschichte, in der eine Mutter ihr Kind emotional und körperlich misshandelt. Im Verlauf der Sitzungen kommt raus, dass die Mutter des mittlerweile erwachsenen Patienten auch Psychotherapeutin ist. Das traf mich besonders, weil ich mir schwer vorstellen konnte, dass man diesen Beruf ausübt und zeitgleich derart missbräuchlich in den eigenen vier Wänden sein kann. Natürlich ist alles möglich, aber der Wertekonflikt, den ich in mir spürte, fühlte sich zu dem Zeitpunkt kaum aushaltbar an. Den Wunsch nach einer einfachen Schwarz-Weiß-Lösung kann ich selbst also sehr gut nachvollziehen.

Kann man lernen, andere Meinungen besser auszuhalten?

Ja. Oft neigen wir in Diskussionen dazu, recht haben zu wollen, weil unsere Überzeugungen stark mit unserem Selbstwertgefühl und unserer Identität verbunden sind. Kognitive Dissonanz, also das Unbehagen, wenn wir mit widersprüchlichen Informationen konfrontiert werden, führt dazu, dass wir unsere Meinungen verteidigen, anstatt sie zu hinterfragen. Letztlich ist es hilfreich, sich bewusst zu machen, dass verschiedene Sichtweisen nicht bedrohlich, sondern wertvoll sein können.

Und wie kann das helfen, gesellschaftliche Debatten zu verbessern?

Der Dialog zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen wird erleichtert, da ambiguitätstolerante Menschen die Komplexität von Themen anerkennen und nicht in vereinfachende „Wir-gegen-sie“-Denkmuster verfallen. Sie neigen dazu, differenzierter zu denken und extremen Positionen zu widerstehen, da sie akzeptieren, dass es oft keine einfachen Lösungen gibt. Diese Haltung fördert die Kompromissbereitschaft.

Wie können wir das als Gesellschaft konkret anwenden?

Ein Schlüssel dazu ist die Bereitschaft, aktiv zuzuhören und offen für unterschiedliche Perspektiven zu sein. Oft wird in Diskussionen mehr darauf gewartet, die eigene Meinung durchzusetzen, als wirklich zu verstehen, was das Gegenüber sagt. Wer empathisch zuhört und versucht, die Beweggründe und Sichtweisen anderer nachzuvollziehen, schafft eine Basis für respektvollen Austausch. Selbstreflexion ist ein weiterer wichtiger Schritt. Jeder sollte sich fragen: Warum halte ich meine Überzeugungen für richtig? Welche Vorurteile könnten mein Denken beeinflussen? Warum löst diese Meinung starke Emotionen in mir aus? Durch diese Reflexion können langfristig starre Denkmuster aufgebrochen werden.

Oft betrifft es uns persönlich nicht, ob andere Transgender sind, eine offene Ehe führen oder kinderlos leben. Warum lösen andere Lebensmodelle bei vielen eine starke Abneigung aus?

Die Ablehnung anderer Lebensmodelle hat oft mit tief sitzenden Unsicherheiten und Ängsten zu tun. Wenn Menschen mit Lebensweisen konfrontiert werden, die stark von ihren eigenen abweichen, empfinden sie das oft als Bedrohung für ihre Identität oder ihre gewohnten Werte. Hinzu kommt der Wunsch, die eigene Gruppenzugehörigkeit und Werte gegen vermeintliche Bedrohungen zu verteidigen.

Liegt es auch an der Debattenkultur in sozialen Netzwerken, dass es Menschen in einfache Denkmuster verfallen?

Ich glaube nicht, dass das Problem wirklich so zugenommen hat. Ich denke, es ist nur deutlich sichtbarer. In Kommentarspalten und Social-Media-Blasen verhärten sich politische Lager schnell, und komplexe Themen werden oft in starren Kategorien verhandelt. Die sozialen Medien verstärken diese Dynamik, da sie zugespitzte, emotionale Inhalte bevorzugen.

Autorin

Leben
Nesibe Kahraman, ehemals Özdemir, ist Psychologin und als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis tätig. Ihr erstes Buch „Was wir glauben, wer wir sind“ wurde ein Spiegel-Bestseller. In den sozialen Medien klärt sie unter @psychologin_nesibe und bei @fühlen_wir über psychologische Themen auf. Im Jahr 2022 wurde sie mit dem Förderpreis „Ambassadors für Wissenschaftskommunikation“ der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

Werk
In ihrem aktuellen Buch „Alles, was dazwischen liegt“ beschäftigt sie sich mit Ambiguitätstoleranz, also der Kunst, innere Widersprüche und Mehrdeutigkeit auszuhalten. Das Buch ist im Beltz Verlag erschienen. (nay)

Weitere Themen