Psychologie Facebook macht etwas unglücklich

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Mit Freunden Kontakt halten – das ist nur eine Seite des sozialen Netzwerks. Psychologen befürchten, dass man sich auf Facebook zu oft mit anderen vergleicht. Das verschlechtert meist die Laune. Wir geben einen Überblick über die ersten Studien.

Immer die neuesten Meldungen im Blick? Foto: dpa
Immer die neuesten Meldungen im Blick? Foto: dpa

Stuttgart - Wie steht es um die Risiken und Nebenwirkungen sozialer Netzwerke? Ein Selbsttest auf der Internetseite www.ins-netz-gehen.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt eine erste Antwort. Als 19-Jähriger jeden Nachmittag zwei Stunden mit Facebook beschäftigt zu sein ist okay, lautet das Ergebnis. Bei drei Stunden ist der Spaß jedoch vorbei, und das Fazit heißt: suchtgefährdet. Dann bekommt auch die harmlose Antwort, man freue sich oft auf das nächste Mal im Netz, eine neue Bedeutung: „Deine Gedanken kreisen nur noch um das Internet“, wird gewarnt. Diese Neigung könne Schwierigkeiten bereiten, wenn die Online-Aktivitäten andere Dinge – vor allem Schule und Kontakte zu Freunden – in den Hintergrund drängen.

Weil das soziale Netzwerk so groß geworden ist, untersuchen Psychologen auch andere Effekte. Bei Facebook haben Nutzer sehr viele Kontakte und präsentieren sich einer großen Gruppe. Gibt das zum Beispiel Schüchternen eine Chance? Oder sinkt ihr Selbstvertrauen noch weiter, weil sie glauben, mit den positiven Selbstdarstellungen der anderen nicht mithalten zu können? Facebook fördere Vergleiche mit anderen, so eine psychologische Theorie, und ständige Vergleiche machen unglücklich.

Doch die Forschung dazu ist so neu wie das Netzwerk selbst. Ein US-amerikanisches Forscherteam hat im vergangenen Jahr eine Übersicht über 412 Facebook-Studien zusammengestellt. Die Qualität der Studien schwanke noch sehr, heißt es in der Fachzeitschrift „Perspectives on Psychological Science“. Die Forschungsfragen und die Untersuchungsmethoden seien noch zu unterschiedlich, um von Trends sprechen zu können, schreiben die Forscher um Robert Wilson von der Washington-Universität in St. Louis.

Passive Facebook-Nutzer empfinden oft Neid

Vor einigen Monaten hat Hanna Krasnova von der Humboldt-Universität Berlin eine Studie vorgestellt, in der die Teilnehmer direkt gefragt wurden, ob sie neidisch werden, wenn sie sehen, was ihre Freunde so tun und erleben. Neid spiele in sozialen Netzwerken eine zunehmende Rolle, folgerte Krasnova aus ihren Daten. Wie so oft in der Psychologie muss man trickreich fragen, weil Menschen ungern zugeben, neidisch zu sein. Nur 4 von 347 Teilnehmern berichteten von Neid, als sie gefragt wurden, wie sie sich nach dem letzten Mal auf Facebook fühlten. Doch als sie anschließend gefragt wurden, warum wohl viele andere Facebook-Nutzer frustriert seien, war Neid der häufigst genannte Grund: 30 Prozent konnten sich das vorstellen. Ein ordentlicher Abstand zur zweithäufigsten Nennung: zu wenige Likes nannten 20 Prozent der Teilnehmer als möglichen Grund für Frustration. Krasnova hat auch eine Theorie dazu, wie sich der Neid auswirkt: Vor allem Menschen, die Facebook passiv nutzen, also den Meldungen und Diskussionen bloß folgen, empfinden Neid, und neidische Nutzer sind weniger glücklich.

Auch der Psychologe Ethan Kross von der Universität des US-Bundesstaats Michigan hält soziale Vergleiche auf Facebook für einen möglichen Grund für Unzufriedenheit. Er hat mit seinem Team rund 80 Probanden zwei Wochen lang jeden Tag fünfmal mit SMS bombardiert. Die Kurznachrichten enthielten Links zu Online-Fragebögen. „Wie geht es Ihnen auf einer Skala von 0 bis 100?“, lautete eine Frage. Und eine andere: „Wie sehr haben Sie seit der letzten Befragung Facebook genutzt?“ Das Ergebnis: je mehr Facebook, desto schlechter geht es den Menschen, berichtet Kross im Online-Fachmagazin „PLOS One“.

Der Effekt ist allerdings schwach. Psychologen berechnen bei solchen Studien statistische Werte, die Korrelation genannt werden. Das ist eine Zahl zwischen 0 und 1. Als Beispiel mag ein Intelligenztest dienen. Wenn die Probanden den Test zweimal absolvieren, kann das Ergebnis unterschiedlich ausfallen. Der Testsieger der ersten Runde hatte vielleicht bloß einen besonders guten Tag und kommt beim zweiten Versuch nur auf Platz drei. Aber der Intelligenztest wäre nichts wert, wenn der Beste der ersten Runde ganz nach unten rutschen würde. Die Korrelation gibt an, wie ähnlich die Rankings der beiden Versuche sind. Bei 1 wären sie identisch, bei 0 so unterschiedlich, wie es nur geht, und tatsächlich liegen die Werte für Intelligenztests typischerweise bei 0,8 oder 0,9. Psychologen nutzen Korrelationen auch, um zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulerfolg zu berechnen. Hier liegt die Korrelation typischerweise bei 0,3 oder etwas darüber. Das heißt: intelligente Menschen sind im Regelfall auch in der Schule gut, aber es gibt viele Ausnahmen.

Die Studie bestätigt manche Befürchtung

Der statistische Zusammenhang zwischen Facebook-Nutzung und Rückgang der Zufriedenheit, den Ethan Kross ermittelt hat, liegt nun bei 0,14. Das sei relativ „klein“, schreibt Kross im Fazit seiner Studie, und setzt das Wort „klein“ in Anführungszeichen. Mehr könne man nicht erwarten, argumentiert er, denn wie gut man sich fühle, hänge von allen möglichen Dingen ab. Ein einzelner Faktor habe da immer nur einen kleinen Einfluss – aber im Fall von Facebook eben einen messbaren. Das passt zu einem Ergebnis, das Chiungjung Huang aus Taiwan vor drei Jahren im Fachjournal „Cyberpsychology“ publizierte: Er fasste 40 Studien zusammen, die negative emotionale Auswirkungen der Internetnutzung untersuchten, und fand eine schwache Korrelation um die 0,05.

Roland Mangold von der Hochschule der Medien in Stuttgart sieht sich durch solche Studien in seinen Befürchtungen bestätigt. So wichtig soziale Netzwerke für den Alltag heute seien, sie hätten auch eine Kehrseite: Mangold beschreibt sie als Zeitfresser mit Suchtpotenzial, und er würde sich nicht wundern, wenn die Online-Pöbeleien in die reale Welt überschwappen. Virtuelle Kontakte, sagt er, seien eben nicht mit realen Kontakten identisch. Da helfe es auch nicht viel, wenn man beim Chatten Emoticons wie den Smiley verwende: „Emoticons ersetzen nicht den echten mimischen Emotionsausdruck.“