Psychologie Hilfe, mein Chef ist Psychopath

Auf den ersten Blick war nichts Auffälliges . . . Foto: stock.adob/Arda Savasciogullari

Psychopathen – da denkt man an Serienmörder und Tyrannen. Aber auch nette Nachbarn oder Chefs können Psychopathen sein. Wie geht man mit ihnen um?

Hitler, Putin, Trump, Charles Manson und vermutlich auch die Polizistenmörder von Kusel; sie alle haben etwas gemeinsam: Sie gelten als Psychopathen.

 

Der kanadische Kriminalpsychologe Robert D. Hare, der in den 80er Jahren eine allgemeingültige Psychopathen-Checkliste zur Diagnostik erstellte, schätzt, dass einer von 100 Menschen ein Psychopath ist: eiskalt und skrupellos, ohne Mitgefühl und Angst sowie mit Hang zum Lügen und Manipulieren.

Psychopathie kann im Kleinen stattfinden

Mitnichten muss ein Psychopath also gleich Völker auslöschen, Menschen töten oder Tiere quälen. Psychopathie kann auch im Kleinen stattfinden, als psychopathische Persönlichkeitsstruktur, und die ist mitten unter uns: im Büro, in Partnerschaften, im Alltag.

Sie sind Anwälte, Chirurgen, Moderatoren oder Politiker, manchmal sogar Pfarrer und sehr oft Firmenchefs. Sie sind meist charismatisch und wirken gar nett. Doch das, sagt Bärbel Mechler, sei reine Strategie. Die Heiltherapeutin und Kommunikationstrainerin berät seit vielen Jahren Opfer dieser machtmissbrauchenden Personen.

Erst Traumpartner, dann Monster

„Am Anfang einer Beziehung wirken sie oft wie Traumpartner, doch bald zeigt sich ein sehr starkes antisoziales Verhalten und bei entstehenden Konflikten ein Vernichtungswille. Ihr Motto ist Missbrauch. Ihre Mitmenschen sind dafür da, ihre Ziele zu erfüllen.“

Die Opfer in privaten Beziehungen sind zum großen Teil Frauen, die enormer psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Da diese von außen nicht erkennbar ist – wie Würgemale oder blaue Flecken –, werden Leidtragende oft nicht ernst genommen. Ihre Darstellungen werden infrage gestellt und zum Beispiel bei Sorgerechtsstreitigkeiten verlieren sie nicht selten gegen den eloquenten Ex, dem es vor allem um die Vernichtung seiner ehemaligen Partnerin geht.

Empathische Menschen sind perfekte Opfer

„Bei der Wahl ihrer Opfer sind sie perfekt“, sagt Mechler. „Sie suchen sich feine, gern attraktive, aber vor allem empathische Menschen aus, die – um des Friedens willen – viel zu viel mit sich machen lassen.“

Menschen mit psychopathischer Persönlichkeitsstruktur sind charismatisch und können andere hervorragend überzeugen. Sie stellen sich – auch vor Gericht – als Opfer dar, weinen und geben vor zu leiden. Während das eigentliche Opfer blass und starr daneben sitzt, in der Angst, möglicherweise das Sorgerecht zu verlieren.

Es geht immer um Macht

Dabei gehe es dem Psychopathen gar nicht um das Kind, sondern nur um Macht, so Mechler. Während einer Beziehung kaum als Vater in Erscheinung getreten, werden nun große Reisen gemacht oder kleine Pferde gekauft.

Meuchler: „Manche weinen sogar, wenn die Kinder zu Besuch kommen, sodass diese, zurück bei der Mama, dann zum Papa ziehen wollen, weil der ja so traurig ist. Doch auch, wenn ein Psychopath ein Pferd kauft, ist das ein Missbrauch, denn es geschieht nicht aus Liebe, sondern ist eine Waffe.“

Dass Psychopathen überall unter uns sind, zeigt sich auch im Berufsleben. Jürgen Hesse, Psychologe und erfolgreicher Karrierecoach, arbeitet gemeinsam mit Christian Schrader gerade an seinem neuen Buch: „Mein Chef ist irre, Ihrer auch? – Warum Psychopathen Führungskräfte werden und wie Sie das überleben“.

Männer weinen sich seltener aus

Er weiß: „Wenn Arbeitnehmer so einem Menschen ausgeliefert sind, dann verbraucht sich jegliche positive Energie. Prinzipiell ist es deshalb erst mal wichtig, diesen Machtmissbrauch zu erkennen. Gerade zu Opfern gewordene Männer tun sich damit schwer und weinen sich selten am Küchentisch aus.“

Eine Studie der Harvard-Universität im US-Bundesstaat Massachusetts legt nahe, dass die Gehirne von Psychopathen von Geburt an eine andere Struktur aufweisen. Auch zu viel Testosteron dürfte ein zusätzlicher Auslöser sein.

Andere Experten sehen die Gründe vor allem in der Kindheit. „Wenn ich als Kind unangenehme Situationen erleiden musste, Fürsorge und Liebe nicht erfahren habe, dann erlebe ich meine Umwelt oft als feindlich und könnte, wenn ich erwachsen bin, all diese negativen Erfahrungen auf andere Menschen übertragen“, erklärt Psychologe Hesse.

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Dabei muss es sich nicht immer um grobe Gewalt oder Vernachlässigung handeln. Es reicht vielleicht, mit Spielzeug in Hülle und Fülle auf sich allein gestellt zu sein. Viele drängt es später in Machtpositionen, um „Reiter statt Ross zu werden“, wie es Hesse formuliert, denn „erlittenes Leid führt leider nicht automatisch dazu, dass ich einfühlsamer bin und weiß, worauf es ankommt, sondern oft dazu, dass ich den Spieß umdrehe und anderen Leid zufüge.“

Ein Psychopath kann also genauso Bankdirektor werden wie Bankräuber. Beides ist für alle, die sich in der Bank befinden, eine Katastrophe. Wie also mit einem Psychopathen umgehen?

Der Vernunft folgen, nicht der Angst

„Das Erste, was die Opfer lernen müssen, ist, in eine Kraft und Stärke zu kommen, die sie so vorher noch nie gebraucht haben“, rät Therapeutin Bärbel Mechler. „Sie müssen lernen, nicht mehr der Angst, sondern der Vernunft zu folgen und mehr Selbstsicherheit an den Tag zu legen. Außerdem müssen sie andere Kommunikationsarten wählen, nicht ständig zur Verfügung stehen, den Kontakt auf ein Minimum reduzieren und das eigene Leben schützen.“

„Rette sich, wer kann“, formuliert es Jürgen Hesse. Die seelische Gesundheit ist schließlich die Basis für die physische. „Lieber Arbeitslosigkeit riskieren, als krank zu werden oder Schlafstörungen und Depressionen zu bekommen, denn am Ende wird sich der psychopathische Chef nicht verändern.“ Hesse betont, dass ein wirklich guter Chef immer auch menschlich und fürsorglich ist.

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Damit scheidet Putin als guter Vorgesetzter vermutlich aus. Ob der russische Staatspräsident aber wirklich ein Psychopath ist, kann keiner sagen. Keine Diagnose durch die Hose, heißt die Parole seriöser Psychologen. Putin auf der Therapeutencouch – das ist allerdings schwer vorstellbar. Schade, denn wäre er krank, könnte man ihn behandeln.

Info

Psychopathie
ist keine Krankheit, sondern eine schwere Persönlichkeitsstörung. Ein Psychopath kennzeichnet sich durch ein überhöhtes Selbstbild, Skrupellosigkeit, Schonungslosigkeit, manipulatives Verhalten, die Unfähigkeit, Reue zu empfinden, und fehlende Empathie. Meist ist er charismatisch und kann sich gut präsentieren. Ein weiteres Merkmal: Gelassenheit unter großem Druck.

Psychopathen
haben eine verringerte Fähigkeit, Angst zu empfinden. Dadurch neigen sie dazu, größere Risiken einzugehen, besitzen aber auch die Fähigkeit, in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren und rational zu entscheiden. Das macht sie sogar zu einem vermeintlich guten Anführer.

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